Zehn Jahre zuvor.

In dem Sommer, in dem sie sich kennenlernten, war die Luft über Dammstadt so dick, dass man sie hätte schneiden können wie das zähe Brot aus den Backstuben der Unterstadt. Der Smog lag wie eine zweite Haut über den Plateaus, und unter der Stadt, tief im Bauch des großen Damms, schlugen die Viol-Kraftwerke ihren ewigen, dumpfen Takt - ein Herzschlag aus Eisen und violettem Feuer, den die Menschen längst ausgeblendet hatten. Kell hörte ihn trotzdem. Kell hörte vieles, von dem die anderen sagten, es gäbe es nicht.

Er war zwölf in jenem Sommer, vielleicht dreizehn - so genau nahm man es in den unteren Bezirken von Dammstadt-Ost nicht mit den Geburtstagen - und er war mal wieder an einem Ort, an dem ihn niemand fortscheuchte. Nicht die Aufseher der Schwebebahn, nicht die Milizionäre mit ihren Knüppeln, nicht die Tüftler in ihren rußgrauen Kitteln, die jeden Jungen, der lange genug stillhielt, mit prüfenden Blicken maßen, als wollten sie ausrechnen, was er später einmal wert sein würde.

Genau in der Mitte des Damms, dort, wo die Aplanische Republik aufhörte und das Iyobetische Königreich begann, dort, wo der Damm seine größte Dicke erreichte und das Bauwerk wie ein eigener Kontinent über dem Abgrund schwebte. Ein schmiedeeisernes Gitter teilte die alte Grenzstation der Länge nach - mittlerweile war sie mehr Geste als Mauer, denn jeder durfte hindurch. Hinter dem Gitter, an der niedrigen Brüstung, fiel der Blick hinab in die Stygische Kluft, und ganz weit unten schimmerte das Wasser violett. Wer lange genug hinunterstarrte, dem war, als atmete der Abgrund.

Hier kam niemand her, der etwas zu verlieren hatte. Konzernherren mieden die Mitte, weil sie nach Schwefel und armen Leute roch; fromme Iyobeten mieden sie, weil ihnen der Anblick des nackten Viols als Gotteslästerung galt. Es blieben die Gassenjungen, die alten Männer mit ihren Pfeifen, die Tagediebe - und an jenem Morgen ein Mädchen, das offensichtlich falsch war an diesem Ort.

Sie stand auf der westlichen Seite des Gitters, in einem Kleid, das einmal teuer gewesen war. Ihr Haar war so streng zurückgebunden, dass es ihr die Augenbrauen nach oben zog, und sie hatte beide Hände auf die Brüstung gelegt und beugte sich so weit über den Abgrund, dass Kell für einen Moment dachte, sie wolle springen. Dann sah er ihr Gesicht. Es war nicht der Ausdruck eines Menschen, der fallen wollte. Es war der Ausdruck eines Menschen, der zum ersten Mal in seinem Leben etwas sah, das größer war als alles, was man ihm beigebracht hatte.

“Du fällst”, sagte Kell, weil ihm nichts Klügeres einfiel.

Das Mädchen drehte den Kopf, nicht erschrocken, sondern nur abschätzend, wie eine Lehrerin, die einen Schüler mustert. “Ich falle nicht”, sagte sie. “Ich rechne.”

“Was rechnest du?”

“Wie tief es ist.” Sie sah wieder hinunter. “Mein Hauslehrer sagt, dass die Kluft keinen Boden hat. Aber alles hat einen Boden. Sonst wäre das Wasser längst weggelaufen.”

Kell trat näher, bis nur noch das Gitter zwischen ihnen war. “Sie hat keinen Boden, den du sehen willst”, sagte er. “Da unten leben Sachen.”

“Sachen.” Sie sprach das Wort aus, als sei es schmutzig.

“Sachen”, wiederholte er. “Je näher man der Kluft kommt, desto schlimmer wird es. Das weiß jeder.”

“Ich weiß es nicht”, sagte das Mädchen, und es lag kein Trotz darin, nur eine sachliche, fast verzweifelte Ehrlichkeit. “Man hat mir sehr viel beigebracht. Aber ich überzeuge mich lieber selbst.”

So fing es an.


Sie hieß Sera, das verriet sie ihm erst beim dritten Mal. Sie kam aus dem Westen, aus einer dieser stillen Flussstädte des Königreichs, wo man morgens Glocken läutete und abends betete und wo eine Familie wie die ihre - nicht reich, aber alt - es als die größte Ehre ihres Lebens ansah, eine begabte Tochter der Akademie zu weihen. In wenigen Wochen, sagte sie, würde man sie an den Arkanen Dom bringen.

Kell verstand nicht alles davon. Er wusste, was die Violette Akademie war: Etwas Großes, Fernes, Gefährliches, das einen nichts anging. Er wusste auch, was aus ihm werden sollte. Die Tüftlergilde nahm in jedem Herbst die geschicktesten Jungen der Ostbezirke in die Lehre, und Kell hatte geschickte Hände. Er konnte eine zersprungene Viollampe wieder zum Brennen bringen, er verstand das Innere der Schwebebahn-Motoren, als hätte man es ihm in den Schlaf geflüstert. “Ein verlässlicher Junge”, hatten sie über ihn gesagt, und in Dammstadt-Ost gab es kein höheres Lob. Verlässlich. Berechenbar. Eine Schraube, die in ihr Gewinde passte.

Sie trafen sich an der Brüstung, sooft sie konnten. Sie hatte mehr Freiheit, als ihr zustand - ihre Eltern waren mit Geschäften beschäftigt, von denen sie nicht sprach, und solange sie zu den Mahlzeiten erschien, fragte niemand, wo sie die Stunden dazwischen verbrachte. Kell musste sich seine Stunden stehlen. Aber stehlen konnte er.

Sie erklärte ihm die Welt des Westens, wie sie sie kannte: Die weißgetünchten Türme, die nach Weihrauch rochen, die Prozessionen, das ewige, geduldige Warten auf ein Wunder, das nie kam. Er zeigte ihr den Osten: Die Werften, in denen die Luftschiffe wuchsen wie Tiere in ihren Käfigen, die Bogenlampen, die nachts den Smog von unten anleuchteten, bis er aussah wie eine umgekehrte See. Sie stritten oft. Sie stritt gern, das merkte er bald, nicht aus Bosheit, sondern weil sie nirgendwo sonst streiten durfte und es bei ihm endlich tun konnte, ohne dass jemand sie dafür bestrafte.

“Im Osten glaubt ihr wirklich an gar nichts?”, fragte sie einmal.

“Wir glauben an das, was funktioniert. Was man auseinanderbauen und wieder zusammensetzen kann. Was man anfassen kann”, sagte Kell.

“Und wenn etwas funktioniert, das ihr nicht versteht?”

Darauf hatte er keine Antwort. Er hatte selten Antworten auf das, was sie fragte.


Es gab Dinge, die sie tat, ohne zu wissen, dass nicht jeder sie tun konnte. An einem dieser Tage saßen sie auf der Ostseite des Gitters, und es war kühl geworden, ungewöhnlich kühl für die Jahreszeit, und Kell hatte eine Münze in der Hand, einen abgegriffenen Viol-Gulden, den er gefunden hatte und nicht ausgeben wollte. Sera nahm ihm die Münze ab, schloss die Faust darum, und als sie die Hand wieder öffnete, war das Metall warm. Nicht von ihrer Hand warm - heiß, so heiß, dass Kell sie fallen ließ, und für den Bruchteil eines Atemzugs hatte über ihrer Handfläche etwas geschimmert, ein violetter Hauch, wie der erste Schein der Morgendämmerung, der durch einen dünnen Vorhang dringt.

Sie sah es selbst und erschrak mehr als er. “Sag das niemandem”, flüsterte sie, und es war das erste Mal, dass er sie wirklich fürchten sah.

“Was war das?”, fragte er.

“Nichts.” Sie rieb sich die Hand am Kleid, als könne sie es abwischen. “Es ist nichts. In der Akademie werden sie mir beibringen, dass das nicht passiert.”

Kell schwieg. Schließlich hatte er auch seine Geheimnisse.


Der Abschied kam früh und ohne Vorwarnung.

Es war an einem grauen Morgen, und sie hatten sich nichtmal verabredet; sie war einfach da, auf der Westseite des Gitters, im teuren Reisemantel, mit hochgestecktem Haar, und hinter ihr standen zwei Bedienstete und ein Mann mit einem schmalen, freundlichen Gesicht. Daneben wartete einer der großen Aufzüge, die hinauf zur Oberseite des Damms führten, wo die Züge ins Königreich abfuhren.

“Sie holen mich heute”, sagte Sera. Ihre Stimme war fest. Nur ihre Hände waren es nicht; sie umklammerten die Eisenstäbe, als müsste sie sich festhalten, um nicht fortgeweht zu werden.

Kell trat ans Gitter. “Komm wieder”, sagte er schließlich. “Hierher. Genau hierher. Wenn du frei hast, oder - wann auch immer. Ich werde da sein.”

“Die Akademie gibt nicht frei”, sagte sie.

“Dann brichst du eben aus.”

Zum ersten Mal, seit er sie kannte, lachte sie - ein kurzes, ungläubiges Lachen, das ihr selbst zu entgleiten schien. “Ausbrechen”, wiederholte sie, als koste sie ein verbotenes Wort. “Du bist verrückt, Kell.”

“Versprich es”, sagte er.

Und sie versprach es. Sie streckte die Hand durch das Gitter, und er nahm sie. “Geh schon”, sagte Kell rau, weil er fürchtete, sonst etwas zu tun, das ihm peinlich wäre.

Sera ging. An der Aufzugtür drehte sie sich noch einmal um, und ihr Mund formte ein Wort, das im Lärm des erwachenden Damms unterging. Dann schloss sich das Gitter, der Aufzug hob sich in den Bauch des Bauwerks.

Kell blieb an der Brüstung stehen und schaute noch eine Weile in die Ferne.


Er kam zurück zur Grenzstation. Am nächsten Tag, und am Tag darauf, und in dem Herbst, als sie ihn in die Gilde aufnahmen, und in den langen Jahren danach, wann immer das Leben ihm eine Stunde ließ. Mit der Zeit hörte er auf zu warten. Mit der Zeit verblasste das Gesicht des Mädchens. Er vergaß den Klang ihrer Stimme. Er vergaß die Farbe ihrer Augen.