“Ihr werdet nichts mehr vergessen”, hatte Proktorin Senn am ersten Tag nach Erreichen des inneren Rings gesagt. “Die meisten von euch halten das für etwas ausschließlich Positives. Ich gebe euch zwei bis drei Jahre, bis ihr begreift, dass es ein Fluch ist.”

Sera hatte damals gedacht, das sei einer dieser Sätze, die man Schülern sagt, damit sie sich wichtig fühlen. Jetzt, nach zweieinhalb Jahren vertiefenden Studiums, stand sie im Auftrag des Amts der Betrachtung in einer Gasse in Sektor 26 und roch zum ersten Mal in ihrem Leben die Dämpfe von Dammstadt, und sie wusste bereits, dass sie diesen Geruch nie wieder loswerden würde. Nasser Ruß, kaltes Fett, das süßliche Metall der Bogenlampen, und unter allem der Schwefel, der aus den Schächten stieg, dorther, wo weit unten der Damm die Stygische Kluft zurückhielt.

“Adeptin Vael.” Senn ging drei Schritte voraus, ohne sich umzudrehen. Sie war eine schmale Frau in einem grauen Reisemantel ohne jede Verzierung und sie bewegte sich durch die untere Stadt, als gehöre sie ihr. “Wie viele Anker führen Sie mit?”

“Sieben, Proktorin.”

“Ihr Riemen hat doch aber zwölf Schlaufen.”

“Sieben, die ich verantworten kann.” Sera sagte es ruhig, ohne Trotz. “Mehr wären anmaßend, unvorsichtig.”

Für den Bruchteil eines Schrittes wurde Senns Rücken ein wenig gerader, und Sera wusste, dass das so nah an Lob war, wie sie heute kommen würde.

“Adept Junis.”

Neben Sera zuckte der Junge zusammen, wie er immer zusammenzuckte, wenn man seinen Namen sagte. “Neun, Proktorin.”

“Nennen Sie sie.”

“Schmelzatem. Kanzleiduft. Süßfäule. Bittersaum.” Er stockte. Sein Atem war flach; er war den Weg von der Schwebebahnstation herunter zu schnell gegangen, so wie er alles zu schnell tat, wenn er Angst hatte. “Kellerlöschung. Luftgewinde. Stiller Atem. Herbstsalz. Und -”

“Und.”

“Vanille”, sagte Junis.

Senn blieb stehen. Sie drehte sich um, und in der Gasse wurde es sehr still, was daran lag, dass Sera mittlerweile das Zischen der Rohre und das ferne Kreischen der Schwebebahn ausblendete, und nicht daran, dass es leiser geworden wäre.

“Zweiter Satz”, sagte Senn.

Junis sah zu Boden. “Kein Anker, den die Welt umsonst hergibt.”

“Und dennoch führen Sie Vanille.” Sie sprach nicht laut. Sie sprach nie laut. “In dieser Stadt stehen an jeder zweiten Ecke Karren mit süßem Gebäck, Adept. Oder Duftkerzen und -öle um den Gestank zu überdecken. Sie werden in den nächsten Tagen an einem solchen Karren vorübergehen, und dann wird alles, was Sie heute an diese Phiole binden, ohne Ihr Zutun in Ihnen aufgehen - mitten auf der Straße, mitten im Satz, ob es Ihnen passt oder nicht. Und Sie werden dort stehen wie ein Betrunkener und nicht mehr wissen, welches Jahr wir haben. Die unvermittelte Konfrontation mit Erinnerungen ist gefährlich.” Sie streckte die Hand aus. “Geben Sie her.”

Junis löste das Fläschchen aus der Schlaufe und legte es ihr in die Handfläche. Senn ließ es in ihre Manteltasche gleiten, ohne es anzusehen.

“Es tut mir leid, Proktorin.”

“Mir tut es nicht leid”, sagte Senn. “Es ist mir gleichgültig, ob es Ihnen leidtut. Die Regeln existieren nicht, weil ich sie erlassen habe, sondern weil sechsundvierzig Angehörige dieser Akademie mit ihren Fähigkeiten nicht umgehen konnten und wir wissen, wie es ihnen ergangen ist.” Sie wandte sich wieder der Gasse zu. “Weiter. Wir werden erwartet.”


Sera hatte die vertiefenden Studien in der Disziplin der Besinnung seit ihrem ersten Jahr im inneren Ring geliebt. Sie war ein Naturtalent und besser als der Durchschnitt. Und anders als in den anderen Disziplinen war Viol nicht der primäre Gegenstand ihrer Studien. Nein, für ihre Disziplin musste man mehr mitbringen. Das war der Teil, den Außenstehende nie begriffen: Die Akademie verabreichte nicht einfach Viol und der Rest passiert von selbst. Nein, die prägendste Fertigkeit der Akademie war überhaupt keine Magie. Sie war Übung, sechs Jahre lang, täglich und unerbittlich. Insbesondere bei Proktorin Senn. Man lernte, den Blick nicht wandern zu lassen, sondern zu führen. Man lernte, Räume in Teilen zu lesen. Man lernte, dass Aufnahme nicht Wahrnehmung ist - dass ein Mensch, der einen Raum betritt, unweigerlich das sieht, was er zu sehen erwartet, und dass die halbe Ausbildung nur darin besteht, sich diese Erwartung Stück für Stück abzugewöhnen, bis man endlich sieht, was da ist. Und dann, wenn man es konnte, lernte man den Preis kennen.

Das Gedächtnis eines in der Disziplin der Besinnung ausgebildeten Violaturgen ist ein Archiv ohne Registrar. Alles liegt darin, vollständig, in Farbe, mit Geruch und Temperatur - und nichts davon ist geordnet. Im zweiten Jahr begann bei den meisten das Scheitern: Neue Eindrücke verschütteten die darunter; man griff nach der Erinnerung an ein Gesicht und bekam einen Geschmack, man suchte ein Datum und fand die Angst eines fremden Nachmittags. Zwei Schüler aus Seras Jahrgang hatten irgendwann aufgehört zu sprechen. Einer war der internen Sicherheit übergeben worden.

Deshalb die Fläschchen. Sie hingen an einem schmalen Lederriemen quer über der Brust, unter dem Mantel, zwölf Schlaufen, jede mit einem gewachsten Stöpsel. Man öffnete eines am Beginn einer Aufnahme, atmete zweimal ein, und der Geruch legte sich um alles, was in den nächsten Stunden geschah, wie ein Faden um ein Bündel Papier. Man verschloss es, versiegelte es, beschriftete es. Und Monate später, Jahre später, brauchte man den Stöpsel nur zu ziehen - und war wieder dort, erinnerte sich. Vollständig. Nicht als Bild, das man betrachtete, sondern als Ort, an dem man stand. Der Geruch war der Wegweiser durch den ungeordneten Geist.

Es war ein elegantes Vorgehen.

“Dritter Satz, Adeptin Vael.”

“Die Aufnahme kennt kein Stückwerk”, sagte Sera. “Alles oder nichts.”

“Erläutern Sie es dem Adepten, da er es offenbar nicht mehr weiß.”

Sera sah Junis nicht an, als sie es sagte, weil sie wusste, dass es ihn sonst schlimmer träfe. “Ein Anker öffnet die ganze Aufnahme. Man kann sich nicht nur an den Hergang erinnern und etwa die Emotionen auslassen. Wer einen Anker zieht, bekommt alles zurück, was in jener Stunde in ihm war - jeden Gedanken, jeden Geruch, jede Übelkeit. Deshalb bindet man nichts an sich, was man nicht bereit ist, ein zweites Mal zu erleben.”

“Und ein drittes Mal”, sagte Senn. “Und ein zwanzigstes. Vor Gericht, vor dem Kollegium, vor dem Rat. Sie werden Aufnahmen führen, die Sie sechzigmal in Ihrem Leben öffnen werden, und beim sechzigsten Mal wird es genauso frisch sein wie heute. Das ist der Unterschied zwischen Ihnen und den Gestalten dort drüben.” Sie deutete mit dem Kinn auf zwei Frauen, die vor einer Wäscherei standen und ihnen nachsahen.

Sera prägte sich den Tonfall ein, weil sie sich alles einprägte, und stellte fest, dass sie ihn nicht so recht deuten konnte.

“Vierter Satz, Adept Junis.”

“Fremde Anker rührt man nicht an”, sagte Junis.

“Warum?”

Junis schwieg zu lange. Sera spürte, wie die Luft in der Gasse eine Kleinigkeit an Wärme verlor, kaum mehr als ein Zug aus einer offenen Tür, und der Lärm der Stadt sank für einen Atemzug zu einem fernen Rauschen ab, als hätte jemand die Welt unter Wasser getaucht. Senn wurde langsamer.

“Weil man nicht weiß, was daran hängt”, sagte Sera schnell.

Senn drehte den Kopf. Ihr Blick ging über Sera hinweg zu Junis, verweilte wenige Momente und kam zurück. “Ich habe den Adepten gefragt”, sagte sie. “Aber ja. Weil man nicht weiß, was daran hängt.” Sie ging weiter. “Merken Sie sich beide, dass Kameradschaft im Feld eine Form von Nachlässigkeit ist. Ich dulde sie heute. Ein zweites Mal nicht.”


Das Haus lag am Ende der Gasse, sechs Stockwerke hoch, mit einer Fassade, die vor vierzig Jahren einmal ockerfarben gewesen sein mochte. Ein Milizionär der Republik wartete vor der Tür, ein untersetzter Mann mit müdem Gesicht, der die Hand hob, als er sie kommen sah.

“Wachtmeister Barch”, sagte er. “Sie sind schnell gekommen.”

“Wir sind pünktlich gekommen”, sagte Senn. “Wie viele waren vor uns hier drin?”

“Vier. Fünf mit mir.”

“Fünf.” Senn zog die Handschuhe fester. “Zum Verständnis, Wachtmeister: Wir sind nicht hier, weil die Akademie Ihnen einen Gefallen schuldet, sondern weil ihr Arbeitsgeber in seiner Weisheit beschlossen hat, solche Angelegenheiten künftig von Leuten aufnehmen zu lassen, die sich in einem halben Jahr noch an sie erinnern. Wenn fünf Paar Stiefel durch die Stube gegangen sind, bevor ich sie sehe, kann man sich die Prozedur auch sparen.”

Barch machte den Mund auf und wieder zu.

“Der Name des Vermissten.”

“Anselm Kreit. Siebzehn. Laufbursche in einer Lampenwerkstatt, zwei Straßen weiter.” Er blätterte in einem verschmierten Heft, obwohl er es offensichtlich auswendig wusste. “Seit Freitagnacht. Die Tür war von innen verriegelt, Fenster ebenso. Vierter Stock, keine Feuerleiter. Die Wirtin hat aufgeschlossen, weil er nicht zur Arbeit ist.”

“Die Wirtin hat ihn zuletzt gesehen?”

“Das ist -” Barch rieb sich den Nacken. “Das ist so eine Sache. Sie sagt, sie kann sich nicht erinnern, wie er aussah.”

Sera hob den Kopf.

“Sie hat ihm drei Jahre lang die Miete abgenommen”, sagte Barch. “Jeden Monat, an der Küchentür. Und jetzt sitzt sie da und weiß, dass da ein Junge war, und weiß seinen Namen, weil er im Buch steht - aber sein Gesicht ist weg.” Er lachte kurz und ohne jeden Humor. “Meine Kollegen sagen, sie säuft.”

“Ihre Kollegen sagen bestimmt viel, da bin ich sicher”, sagte Senn. “Adepten. Wir gehen rein.”

Sera sah, wie Senn ihren Riemen öffnete. Die Fläschchen der Proktorin waren deutlich älter als ihre, das Glas an den Rändern milchig, die Etiketten in einer kleinen, harten Handschrift beschriftet und mehrfach überschrieben. Es waren siebzehn. Senns Finger gingen die Reihe entlang, sicher, gewohnt, und hielten für den Bruchteil eines Herzschlags an einer Phiole ganz am Ende an, die als einzige kein Etikett trug. Das Wachs an ihrem Stöpsel war alt und rissig und scheinbar niemals gebrochen worden.

Dann glitten die Finger weiter, nahmen die vorletzte und zogen den Stöpsel.

Die Stube im vierten Stock war acht Schritte lang und fünf breit und enthielt alles, was ein siebzehnjähriger Laufbursche in Dammstadt-Ost besaß: Eine Pritsche, einen Hocker, ein Regalbrett mit drei Blechdosen, einen Nagel für den Mantel. Der Mantel hing daran. Die Stiefel standen unter der Pritsche, ordentlich nebeneinander, die Zehen zur Wand.

Sera atmete zweimal und begann bei der Tür, wie man es lernte, im Uhrzeigersinn, in Achteln.

Kein Kampf. Kein Blut. Der Riegel innen, unbeschädigt, in der Öse. Der Staub auf dem Fensterbrett ungestört, mit dem feinen, gleichmäßigen Rußfilm einer Stadt, in der jedes Fensterbrett nach zwei Tagen so aussieht. Auf dem Hocker ein aufgeschlagenes Heft, halb beschriebene Seiten, eine Bleistiftliste mit Preisen für Lampendochte. Der letzte Eintrag brach mitten in einer Zeile ab, nicht hastig, nicht abgerissen.

Es war kalt in der Stube. Kälter als im Treppenhaus. Kälter, als ein Zimmer sein durfte, dessen Ofen zwar aus, dessen Fenster aber geschlossen waren, in einer Stadt, die im Winter unentwegt dampfte.

“Adept Junis”, sagte Senn von der Tür her. “Der Rahmen der Pritsche.”

Junis ging in die Hocke. Sera sah, wie sich seine Schultern hoben, wie er den Atem anhielt, und dann sah sie das, was er sah. Auf dem Metall des Bettgestells, dort, wo das Kopfende den Boden berührte, lag ein hauchdünner Film. Violett und glänzend - wie der Schimmer auf altem Öl, wie eine Farbe, die sich nicht entscheiden konnte. Sera beugte sich darüber und tat, was man ihr in all den Jahren beigebracht hatte, und stellte fest… dass sie nichts feststellte.

Er roch nach nichts. Nicht wenig, nicht schwach. Nach nichts, wie ein Loch im Geruch des Zimmers.

“Proktorin”, sagte sie. “Das ist -”

“Kondensat”, sagte Senn. Sera sah auf. Senn stand noch immer in der Tür, die Hände in den Manteltaschen, und ihr Gesicht war vollkommen ruhig. “In dieser Stadt laufen hunderte Meilen Viol-Leitung durch die Wände”, sagte sie. “In den unteren Sektoren sind sie hundert Jahre alt. Wo Leitungen alt sind, schlägt sich Kondensat nieder. Es ist gut dokumentiert, und es ist für die Aufnahme ohne Belang.”

Sera hörte sich selbst sagen: “Verstanden, Proktorin”, und sah dabei zu, wie sich der Film unauslöschlich in die Aufnahme legte.

Hinter der Pritsche, in Kniehöhe, war eine Wartungsklappe in der Wand, ein Blech von einer Handspanne Breite, wie sie in diesen Häusern alle vier Stockwerke eingelassen waren, damit die Tüftler an die Steigleitungen kamen. Das Blech war lose aber nicht aufgebrochen - die Schrauben lagen ordentlich in der Fuge darunter, alle vier, wie von jemandem hingelegt, der sie später wieder einzudrehen gedachte.

Sera hakte den Fingernagel unter den Rand und zog die Klappe auf.

Aus dem Schacht kam ein warmer Schwall Luft. Er stieg aus der Tiefe des Hauses herauf, aus den Rohren aus dem Bauch des Dammes. Der Luftschwall brachte drei Dinge mit, und Sera nahm sie in derselben Sekunde auf, ohne dass sie es hätte verhindern können. Sonnenwarmes Eisen. Schwefel aus der Kluft. Und darunter, warm und schwer und ein wenig süßlich, der Geruch von Schmieröl.

Der Geruch war so intensiv, dass er den Duft ihrer geöffnete Phiole übertünchte. Plötzlich riss eine Erinnerung auf.

Sie spürte Sonne auf den Unterarmen. Sie spürte ein Geländer unter beiden Handflächen, heiß, mit Rost an den Stellen, wo die Farbe abgeplatzt war. Ihre Hände waren klein, sie trug ein Kleid.

Vierter Satz, dachte sie noch. Fremde Anker rührt man nicht an.

“Du fällst”, sagte eine Jungenstimme.