Plötzlich blieb Sera die Luft weg. Ihre Vision riss ab und ihre Wahrnehmung kippte wieder ins Hier und Jetzt. Sie saß auf dem Boden der Stube im vierten Stock, den Rücken an der Pritsche.

Junis hockte vor ihr und hielt ihr Mund und Nase zu. Als er sah, dass sie wieder bei sich war, ließ er von ihr ab.

“Adept.” Senns Stimme kam von der Tür. “Das sollte reichen. Treten Sie zurück.” Senn kam zwei Schritte in den Raum und ging vor Sera in die Hocke.

“Adeptin Vael. Nennen Sie mir das Zimmer.”

“Proktorin, ich —”

“Ganz ruhig. Wie Sie es gelernt haben.”

Sera schloss die Augen und tat, was man ihr beigebracht hatte. “Erstes Achtel, die Tür, der Riegel in der Öse, unbeschädigt. Zweites, der Nagel mit dem Mantel, der Mantel dunkelblau, an beiden Ellenbogen geflickt, der Flicken links älter. Drittes, das Regalbrett, drei Blechdosen, die mittlere ohne Deckel. Viertes, das Fenster, der Ruß auf dem Brett ungestört. Fünftes —”

“Es reicht.” Senn stand auf. “Sie sind wieder da. Haben Sie Schmerzen?”

“Nein, Proktorin.”


Der Anker hält nichts. Der Anker findet.

Das war das Grundprinzip und gleichzeitig der erste Satz der Disziplin der Besinnung. Man hatte es ihnen im ersten Winter des inneren Rings vorgeführt. Ein Magister hatte zwei Schülern dasselbe Fläschchen unter die Nase gehalten, dieselbe Mischung, dasselbe Wachs, denselben Tag. Der eine war in einen Vormittag im Skriptorium zurückgefallen. Der andere hatte nur eine unangenehme Mischung aus Wacholder, Teer und etwas undefinierbarem gerochen und seine Nase gerümpft.

Alles, was ein Anker tut, ist, in einem Menschen eine Erinnerung zu finden, die dieser Mensch selbst dorthin gehängt hat, und sie aufzureißen. Deshalb war der zweite Satz so wichtig: Weil eine Mischung, die die Welt umsonst hergibt, an tausend Ecken anschlägt. Würde man Erinnerungen an einen solchen Geruch binden, wäre man täglich Erinnerungen hilflos ausgeliefert.

Aus dem Schacht war heißes Eisen gekommen, Schwefel, Schmieröl und noch mehr. Ein Geruch, den diese Stadt scheinbar umsonst hergab, tausendmal am Tag. Aber diese spezielle Mischung hatte etwas in Sera angesprochen. Nicht verwaschen, nicht freundlich, nicht so verklärt, wie Menschen sich an ihre Kindheit erinnern. Vollständig. Mit dem Gewicht des Stoffs an den Kniekehlen und der Zahl der Rostflecken am Geländer. Mit aufrichtigen Gefühlen. Diese Erinnerung war ihre. Es konnte gar nicht anders sein.

Sie hatte nur nicht gewusst, dass sie sie besaß.


“Was haben Sie gesehen, Adeptin?”

Sera stand inzwischen. Sie strich sich den Mantel glatt.

“Eine Erinnerung”, sagte sie. “Sie ist in mir aufgegangen, als ich die Klappe geöffnet habe.”

“Was war es?”

“Ein Geländer. Es war hoch. Und warm. Ich stand an einer Brüstung hier im Damm und habe runtergeschaut.” Sie zögerte kurz. “Mehr ist nicht verwendbar, Proktorin.”

“Hat jemand gesprochen?”, fragte Senn.

Eine sehr spezielle Frage, dachte Sera.

“Nein”, log sie.

Es war die erste Lüge, die sie einer Proktorin der Violetten Akademie sagte, und sie stellte überrascht fest, dass sie ihr sehr leicht über die Lippen kam. Senn sah sie ausdruckslos an.

“Das nennt man einen Durchbruch”, sagte Senn schließlich. “Vorstufen aus der Zeit vor der Schulung des Geistes, die sich unter Belastung nach oben arbeiten. Handbuch, viertes Jahr, Abschnitt über die Grenzen der Aufnahme. Bruchstücke nicht explizit aufgezeichneter Erinnerungen vermischen sich zu etwas Neuem, was so nie passiert ist. Es kommt vor. Es ist unangenehm und ohne Belang.”

Sera hatte das Handbuch des vierten Jahres zweimal gelesen. Sie kannte die Stelle. “Ja, Proktorin”, sagte sie.

Senn zog ein kleines Heft aus der Manteltasche. Nicht das Berichtsheft mit dem grauen Deckel, das Sera seit zweieinhalb Jahren jeden Abend sah, sondern ein anderes, schmaleres, mit einem Gummiband darum. Sie schrieb im Stehen hinein, mit dem Daumen als Unterlage.


Sie arbeiteten den Rest der Stube ab. Auftrag war Auftrag. Immerhin war ein Junge verschwunden und die Republik zahlte gut.

Junis und Sera bewegten sich durch den Raum. Senn stand in der Tür und gab korrigierende Hinweise statt die gewohnten Ermahnungen. Sie sagte kein Wort mehr über den Vorfall. Junis hatte sie zurückgeholt, hatte nicht gezögert und ihr Nase und Mund zu gehalten. Vielleicht war die Proktorin deshalb etwas nachsichtiger.

“Wachtmeister”, rief Senn ins Treppenhaus. “Wann war zuletzt ein Tüftler im Haus?”

Barch brauchte einen Moment. “Im Frühjahr. Die Steigleitung im zweiten Stock. Steht im Buch der Wirtin.”

“Vier Schrauben von innen gelöst und ordentlich abgelegt”, sagte Senn, “sind nicht die Arbeit eines Menschen, der fliehen will. Das ist die Arbeit eines Menschen, der wiederkommen will. Adeptin, der Winkel der Klappe.”

“Achtundvierzig Grad, offen nach links, gegen die Wand geklappt”, sagte Sera. “Am oberen Rand ein Kratzer, frisch, keine Oxidation. Zwei Fingerbreit, von innen nach außen gezogen.”

“Von innen nach außen.”

“Ja, Proktorin.”

Senn ging in die Hocke und sah selbst hinein.

“Der Junge ist nicht durch diesen Schacht gestiegen”, sagte sie schließlich. “Ein Siebzehnjähriger, der durch einen Schacht steigt, hinterlässt mehr Spuren. Hier ist nichts. Und wenn er hindurchgestiegen wäre, hätte er die Klappe nicht von außen zuziehen und die Schrauben von innen ablegen können.” Sie klopfte mit dem Handrücken gegen das Blech. “Etwas ist herausgekommen. Nicht hineingegangen.”

Sera sah auch, dass Senn kurz vor dem Verlassen des Zimmers am Kopfende der Pritsche stehen blieb, ein leeres Fläschchen aus dem Mantel zog, den Stöpsel mit dem Daumennagel abhob und mit einem schmalen Spatel etwas von dem Film abnahm, der “für die Aufnahme ohne Belang" war.


Die Wirtin hieß Frau Osterkamp und saß in ihrer Küche.

“Ich habe ihm drei Jahre lang die Miete abgenommen”, sagte sie zum vierten Mal. “Hier. An dieser Tür. Immer am Ersten.”

“Erzählen Sie es noch einmal”, sagte Senn. “Stellen Sie es sich bildlich vor. Lassen Sie sich Zeit.”

Die alte Frau sah auf ihre Hände.

“Er kam herein, er hatte das Geld schon in der Hand, weil er es eilig hatte. Er stellte sich dorthin.” Sie deutete zur Tür, “Er stellte sich dorthin, und ich sagte, du bist zu dünn, und er sagte —”

Sie brach ab. Ihre Hand blieb in der Luft.

“Was hat er gesagt?”, fragte Senn.

“Ich weiß es nicht.” Frau Osterkamp sah ihre eigene Hand an, als gehöre sie jemand anderem. “Ich weiß, dass er etwas gesagt hat. Ich weiß, wie er dabei den Kopf gehalten hat. Aber, alles andere ist irgendwie weg.” Sie machte eine kleine, hilflose Bewegung.

“Frau Osterkamp. Ihr Buch. Wer hat die Miete für diesen Monat gebracht?”

Die alte Frau blätterte und wurde ganz still.

“Sie ist bezahlt”, sagte sie. “Bis in den Winter. Es steht hier. Es ist meine Schrift.”

“Und Sie erinnern sich nicht daran.”

“Ich erinnere mich an das Geld”, sagte Frau Osterkamp langsam. “Es war sauber. Ich habe mich gewundert, weil das Geld hier unten nie so sauber ist.”


“Der Färber”, sagte Senn auf der Straße.

“Was für ein Färber?”, erwiderte Barch, der neben ihnen herging.

“Drei Häuser weiter, im Gerbergang. Zwei Frauen haben heute Morgen darüber gesprochen, als wir vorbeikamen. Sein Laden stand offen, die Lampen brannten, das Essen war noch auf dem Tisch. Und niemand weiß, wann sie ihn zuletzt gesehen haben. Nicht einmal seine Schwester.”

“Da liegt noch keine Meldung vor.”, Barch rieb sich den Nacken. “Damit es einen offiziellen Vorgang gibt, muss einer kommen und sagen, mir fehlt jemand. Wenn keiner kommt, gibt es keinen Vorgang.”

“Adeptin Vael”, sagte Senn, “Sie nehmen morgen früh den Gerbergang auf. Adept Junis die Lampenwerkstatt: Ich will die Namen aller, die mit dem Jungen gearbeitet haben, und ich will wissen, ob einer von ihnen ihn beschreiben kann. Wachtmeister, Sie bringen mir bis zum Mittag alle Vorgänge zu Vermisstenmeldungen dieses Sektors."


Am Abend hatten sie etwas Zeit für sich. Ihr gemeinsames Quartier lag in Sektor Zwölf, über dem Kontor eines Speditionshauses, das der Akademie seit dreißig Jahren zwei Stockwerke vermietete und dafür Frachtbriefe bekam, die niemand kontrollierte. Die Prorektorin hatte sich auf ihr Zimmer zurückgezogen. Junis saß alleine am Tisch im Gemeinschaftszimmer und sortierte seine Phiolen. Sera setzte sich zu ihm.

“Danke”, sagte Sera.

“Du warst völlig weggetreten”, flüsterte er, “hast die Augen verdreht."

Sie schwieg.

“Was war es?”, fragte er.

“Ein Durchbruch. Vorstufen aus der Zeit vor der Bindung.” Sie hörte, wie sie die Worte der Proktorin benutzte wie einen Schutzschild. “Es kommt vor.”

Junis blickte sie ernst an.

“Sera. Du hast mit irgendjemandem gesprochen”, sagte er, und zum ersten Mal an diesem Tag klang er nicht wie ein Junge, der bei seinem eigenen Namen zusammenzuckt. “Was immer das war; es lag schon in dir. Es lag lange in dir. Und du hast es nicht gewusst. Du hast mehr gesehen, als du der Proktorin gesagt hast, oder?”

Sera machte Anstalten aufzustehen.

Junis hielt sie am Arm.

“Ich habe es auch nicht gemeldet”, sagte er leise. “Im Frühjahr. Als so etwas bei mir passiert ist.”

“So ein freier Abend mag zum Reden und faulenzen einladen", wurden sie von Proktorin Senn unterbrochen, “Das wird Ihnen auf lange Sicht aber nicht zum Vorteil gereichen. Ab auf die Zimmer, morgen liegt ein langer Tag vor uns. Nur weil wir außerhalb der Akademie sind, sollten wir die Schulung unserer Geistes nicht schleifen lassen."


Sera hatte ein Zimmer mit einem Bett, einem Tisch, einem Waschgestell und einem Fenster, durch das man auf die Gasse und schräg gegenüber auf das erleuchtete Schild der Depeschenstelle sah, die Tag und Nacht besetzt war, weil die Frachtkontore es so verlangten.

Sie saß seit einer Stunde am Tisch, das Aufnahmeheft aufgeschlagen, und hatte vier Zeilen geschrieben: Ich war dort. Sie sah den Satz an. Sie strich ihn nicht durch, weil man in einem Aufnahmeheft nichts durchstreicht, und schrieb darunter: Ich weiß nicht, wann man es mir genommen hat. Dann riss sie die Seite heraus und verbrannte sie über der Lampe.

Es klopfte zweimal.


Senn hatte den Reisemantel abgelegt. Ohne ihn sah sie kleiner aus und älter, und an ihrem rechten Handrücken lief das Geäder bis über die Knöchel und verschwand im Ärmel, und auf der Haut darüber lag jener stumpfe Glanz, den Sera von den älteren Magistern kannte.

“Sie schreiben nicht”, sagte Senn.

“Ich schreibe, Proktorin.”

“Sie sitzen.” Senn zog den zweiten Stuhl heran und setzte sich, und das war so ungewöhnlich, dass Sera das Heft schloss. “Noch einmal das Geländer.”

Sera sah auf.

“Ich habe es zu Protokoll gegeben.”

“Sie haben ‘hoch’ und ‘warm’ gesagt. Beschreiben Sie es mir.”

“Ein Rundeisen, keine Kante, mit Farbe darauf, die an den Griffstellen abgeplatzt war. Es lief nach links weiter, als hätte es kein Ende. Dahinter fiel es ab, sehr tief, und ganz unten war etwas Violettes. Kein Licht. Eher eine Farbe im Nebel.” Sie konzentrierte sich. “Und irgendwo hat jemand mit einer Zange auf Blech geschlagen. Dreimal, Pause, dreimal.”

Senn saß vollkommen still. Dann legte sie etwas auf den Tisch. Ein Stück Wachspapier, mehrfach gefaltet, und darin eine Tablette von der Größe eines Fingernagels, weißgrau, mit einer Kerbe in der Mitte.

“Die Ausgabe des Kollegiums. Nach einem Durchbruch, einmal, mit Wasser. Die Adepten nennen sie die kleine Ruhe, und ich habe es aufgegeben, ihnen das abzugewöhnen.”

“Was tut sie?”

“Sie beruhigt.”

“Aber was bezweckt sie, Proktorin?”

“Solche Visionen, die aufgebrochen sind, haben keine… Wand, keine Abgrenzung”, sagte Senn. “Alles, was Sie in den nächsten Tagen aufnehmen, stößt an diese Ränder. In sechs Wochen wüssten Sie nicht mehr sicher, was Sie in der Stube gesehen haben und was in diesem Durchbruch”

Senn wartete, bis sie getrunken hatte. An der Tür blieb sie stehen, ohne sich umzudrehen. “Adeptin. Der Adept Junis hat heute sehr vorbildlich und mutig gehandelt, um Sie zurückzuholen.”

“Ich weiß, Proktorin.”

Die Tür ging zu. Auf dem Flur hielten die Schritte nach einigen Schritten an und gingen eine Weile nicht weiter.


Um kurz vor Mitternacht ging unten die Haustür. Sera lag angezogen auf dem Bett und war nicht müde. Das überraschte sie. Sie hatte vermutet, dass die Tablette ihr einen guten Schlaf bescheren würde. Sie stand auf und trat ans Fenster und sah die Proktorin unter sich über die Gasse gehen, im Reisemantel, mit Handschuhen und in der Hand ein Blatt, das nicht gefaltet war.

Die Depeschenstelle war um diese Zeit hell und leer. Durch die beschlagene Scheibe sah Sera, wie Senn dem Beamten das Blatt hinschob, wie der Mann las und den Kopf hob und etwas sagte. Senn schüttelte den Kopf und tippte mit dem Zeigefinger auf eine Zeile. Zweimal, ohne Ungeduld, so wie sie im Unterricht auf einen Fehler tippte, den ein Schüler machte.

Der Beamte setzte sich an sein Gerät. Sera konnte den Rhythmus nicht hören, aber sie sah die Schulter des Mannes arbeiten, und sie zählte mit: Kurz, lang, lang. Der Text war nicht lang. Vier Zeilen, höchstens fünf.

Dann nahm Senn das Blatt zurück, was man nicht tat, denn Depeschenblätter wurden aufbewahrt, drei Jahre lang, so wollte es die Verordnung der Republik. Aber der Beamte protestierte nicht. Er sah nur zu, wie die Frau im grauen Mantel das Papier über der Lampe auf dem Tresen anzündete, es sinken ließ, bis es fast ihre Handschuhe erreichte, und die Asche in den Blechnapf für Streichhölzer fallen ließ.

Sie zahlte und ging. An der Tür der Depeschenstelle blieb sie einen Moment stehen und sah die Gasse hinauf und hinunter und für den Bruchteil eines Herzschlags glaubte Sera, dass der Blick der Proktorin an ihrem Fenster hängenblieb. Dann kam Senn über die Gasse zurück, und unten ging die Haustür, und im Haus war es wieder still.