Kell lag auf dem Rücken im Bauch der alten Schwebebahn-Gondel Nummer Neun, die Beine ragten unter dem Wartungsschacht hervor, und über ihm summte und tickte ein Getriebe, das seit Tagen niemand zum Laufen gebracht hatte. Drei Gildenmänner hatten es vor ihm versucht. Sie hatten geflucht, am Antrieb herumgeschraubt und am Ende den Kopf geschüttelt: Hin, irreparabel, Schrott. Kell hörte ihnen nicht zu. Kell hörte der Maschine zu.

Maschinen logen nicht. Das war es, was er an ihnen liebte. Ein Mensch sagte das eine und meinte das andere, lächelte und stieß dir das Messer zwischen die Rippen - aber eine Maschine erzählte dir mit jedem Klicken und Schnarren genau, was mit ihr nicht stimmte, wenn man nur still genug war, um es zu hören. Und Kell konnte sehr still sein. Er legte die bloße Hand an das Gehäuse des Viol-Reglers, schloss die Augen und spürte das feine, unregelmäßige Stottern der Energie, die durch die Leitungen pulste. Da. Nicht der Antrieb. Eine haarfeine Verkrustung im Ventil, wo das Viol verharzt war, ein Fehler so klein, dass kein Prüfgerät der Gilde ihn fand und der doch die ganze Gondel lahmlegte.

Er löste die Mutter, zog das Ventil, kratzte den violetten Niederschlag mit dem Daumennagel ab, setzte alles zurück. Vierzehn Handgriffe. Dann floss das Viol wieder rund, das Stottern wurde zu einem satten, gleichmäßigen Summen, und über ihm erwachte das Getriebe zum Leben wie ein Tier, das man aus dem Schlaf gestreichelt hatte.

“Du bist ein verfluchtes Gespenst, Brandt”, sagte Meister Krannig vom Rand des Schachts.

Kell schob sich unter der Gondel hervor, das Gesicht voller Schmierfett. “Verharztes Ventil. Hätten Sie auch gefunden.”

“Hätte ich nicht, und das weißt du.” Krannig war ein breiter, mürrischer Mann mit Rußfalten in jeder Pore und Händen wie Schraubstöcke. “In drei Wochen ist die Aufnahmeprüfung. Du machst sie, du bestehst sie, und dann gehörst du der Gilde. Verstanden? Ein fester Lohn. Ein Dach. Eine Zukunft, in der dir keiner mehr ins Gesicht spuckt, weil du aus dem Schmierviertel kommst.” Er deutete mit dem Kinn auf die laufende Gondel. “Jungen wie du werden geboren, um in dieses Gewinde zu passen. Versau es nicht.”

In dieses Gewinde passen. Kell wischte sich die Hände an einem Lappen ab, der schmutziger war als seine Finger, und nickte. Es war alles, was er je gewollt hatte. Eine Schraube zu sein, die in ihr Gewinde passte. Verlässlich. Berechenbar. Unsichtbar. In einer Stadt, die einen Menschen wie ihn auf hundert Arten zermalmen konnte, war Unsichtbarkeit das Kostbarste, was man besitzen konnte.


Die untere Stadt war ein eigenes Land, und Kell kannte jeden ihrer Winkel.

Während über ihren Köpfen die Plateaus der Reichen im Sonnenlicht glänzten - die Konzernzentralen, die Verwaltungstürme, die Flugplätze, von denen die Luftschiffe wie fette, träge Wale aufstiegen -, lag die untere Stadt in einem ewigen, von Bogenlampen durchstochenen Zwielicht. Hier zischte und dampfte es aus tausend Rohren. Hier rann das Abwasser der Viol-Kraftwerke durch offene Rinnen, hier hockten die Junkies in den Ecken, die Viol-Süchtigen mit ihren violett unterlaufenen Augen, die für eine Phiole alles taten. Hier roch es nach heißem Metall und kaltem Fett und nach dem süßlichen Gestank der Wirrnis, der von Süden über den Wirrniswall kroch, wenn der Wind ungünstig stand.

Kell ging den langen Weg nach Hause durch das Schmierviertel, Sektor Sechsundzwanzig, vorbei an der Suckerpunch-Bar, aus der schon am späten Nachmittag das Grölen der Werftarbeiter drang, vorbei an den schwerbewachten Aufzügen, die zum Fuß des Damms hinabführten. An einer Ecke standen zwei Männer in den grauen Uniformen einer Konzernmiliz und musterten die Vorübergehenden, und Kell tat, was er immer tat: Er machte sich klein, senkte den Blick, wurde zu nichts. Es funktionierte. Es funktionierte fast immer.

“Habt ihr von dem Färber gehört?”, sagte eine Frau im Vorübergehen zu ihrer Begleiterin. “Drei Häuser weiter. Einfach weg. Sein Laden steht offen, die Lampen brennen, das Essen noch auf dem Tisch - und kein Mensch erinnert sich, wann sie ihn zuletzt gesehen haben. Nicht mal seine eigene Schwester.”

“Die untere Stadt frisst die Leute”, sagte die andere. “War schon immer so.”

“Nicht so wie jetzt”, sagte die Erste, und dann waren sie vorbei, und Kell ging weiter und dachte sich nichts dabei. Menschen verschwanden in den unteren Bezirken. Das war keine Neuigkeit.


Mila wartete auf der obersten Stufe, wie immer, mit angezogenen Knien und einem Buch, das sie nicht lesen konnte, weil ihnen das Geld für die Lampe gefehlt hatte.

“Du bist spät”, sagte seine Schwester anklagend. Sie war neun und so dünn, dass ihm jedes Mal das Herz wehtat, wenn er sie sah, und sie hatte die Angewohnheit, ihn anzusehen, als wäre er das einzige Verlässliche in einer Welt, die ihr bisher wenig Verlässliches geboten hatte. Was, dachte Kell manchmal, vermutlich stimmte.

“Gondel Neun”, sagte er und setzte sich neben sie. “Drei Männer haben aufgegeben. Dein Bruder nicht.”

“Mein Bruder gibt nie auf.” Sie lehnte sich an ihn. “Vater ist wieder unten in der Bar.”

“Ich weiß.”

“Hast du das Brot mitgebracht?”

Und da war es. Ein kurzes, eisige Stocken in seiner Brust, das er kannte und hasste. Er hatte das Brot mitbringen wollen. Er hatte es sich heute Morgen vorgenommen, hatte es sich auf dem Weg zur Werft noch vorgesagt - Brot, beim Bäcker an der Ecke, vergiss es nicht. Als hätte jemand das Brett abgeschliffen, auf das er es geschrieben hatte. Er wusste dass er etwas hatte mitbringen wollen. Aber der Weg dorthin, der Bäcker, der Augenblick, in dem er daran vorbeigegangen sein musste - das war fort.

“Morgen”, sagte er rau. “Ich bring es morgen. Versprochen.”

Mila zuckte mit den Schultern, als wäre sie nichts anderes gewohnt. Sie kamen in letzter Zeit öfter. Diese Erinnerungslücken. Kell hatte angefangen, sich Dinge auf die Innenseite seines Unterarms zu schreiben, mit einem Stift, kleine krakelige Notizen - Mila, Brot -, und manchmal fand er morgens Worte auf seiner Haut, von denen er nicht mehr wusste, wann er sie geschrieben hatte. Er sprach mit niemandem darüber. Worüber hätte er auch sprechen sollen. Man ging in Dammstadt-Ost nicht zum Arzt mit so etwas. Man ging mit so etwas nirgendwohin. Man hielt den Mund und passte in sein Gewinde.


In dieser Nacht, als Mila längst schlief und ihr Vater unten in der Suckerpunch sein Elend ertränkte, saß Kell am offenen Fenster und sah hinaus auf die Lichter des Damms.

Von hier aus, ganz oben im Schmierviertel, konnte man die Krone des großen Bauwerks sehen, die endlose Linie der Bogenlampen. Er rieb sich über den Unterarm, über die verblassten Tintenkrakel, und sah hinüber zu Mila, die im Schlaf die Stirn runzelte. Sie würde er nicht vergessen. Was auch immer mit ihm nicht stimmte - diese eine Stelle würde er bewachen wie ein Hund. Drei Wochen noch bis zur Prüfung. Dann der feste Lohn, das Dach und die bessere Zukunft.