Am nächsten Morgen saß Sera auf der Bettkante, noch halb im Schlaf, und ließ die letzten Geschehnisse Revue passieren. Sie saß eine Weile komplett still, ehe sie ein Blatt Papier nahm, einen Streifen abriss und darauf schrieb, was sie noch wusste.
Geländer. Rundeisen. Farbe an den Griffstellen ab. Sehr hoch. Sonne auf den Unterarmen. Ein Kleid, das sie gehasst hatte. Violetter Kanal weit unten. Kein Licht. Jemand schlägt mit einer Zange auf Blech. Eine Stimme. Ein Junge.
Sie sah die Zeilen an und fand sie erbärmlich. Das war es also, was ein normaler Mensch besaß: Ein paar Wörter, mit denen sich nichts anfangen ließ, ein Sieb, in dem ein Rest Kies lag. So erinnerte sich die Wirtin an einen Jungen, dem sie drei Jahre lang die Miete abgenommen hatte. So erinnerte sich die halbe Welt an ihr eigenes Leben. Sie faltete den Streifen zweimal und schob ihn in den Saum ihres Ärmels und ging hinunter zum Frühstück.
Senn saß bereits am Tisch; vor ihr stand eine große Tasse Tee. Sie hatte den Reisemantel über die Stuhllehne gelegt, die Handschuhe daneben. Sera stellte im Vorbeigehen zwei Dinge fest: Dass die Proktorin die Kleidung von gestern trug, und dass an ihr sehr schwach der Geruch von verbranntem Papier hing.
“Adeptin.”
“Proktorin.”
“Wie ist ihnen das Mittel bekommen?”
“Gut, Proktorin.”
“Sie lügen schlecht”, sagte Senn. Es klang nicht wie ein Tadel, nur wie eine Feststellung, “Aber wie dem auch sei: Ich glaube, sie haben zu tun.”
Die Gerber des Gerbergangs waren vor sechzig Jahren an den Kai verlegt worden, als man festgestellt hatte, dass Menschen dort, wo Häute in Kalk und Hundekot liegen, nicht sehr alt werden. Geblieben war der Name und die Bauart der Straße: Schmale, hohe Häuser mit Trockenböden im Dach, Rinnen in der Mitte der Gasse, und eine bestimmte Beschaffenheit der Luft.
Sera blieb an der Ecke stehen und nahm einen ihrer Anker aus ihrem Gürtel und öffnete ihn. Sie atmete zweimal ein und ließ den Faden sich um alles legen, was in den nächsten Stunden geschah. Dann ging sie hinein, und die Gasse schlug ihr ins Gesicht.
Überreife Birnen. Kalkstaub. Regen auf heißem Teer, obwohl es seit vier Tagen nicht geregnet hatte. Darunter das alte, eingezogene Ammoniak von sechzig Jahren Gerberei; darüber die Küchen, die Kohle, das Fett, ein Hund, ein Abtritt, ein Rest Seife. Sera nahm es auf, Stück für Stück.
Die Färberei lag im dritten Haus links, ein Ladengeschäft mit zwei Stufen vorher Tür und einem Schild, auf dem F. ILGE — FÄRBEREI U. AUSBESSERUNG stand. Geschrieben in Buchstaben, die jemand vor langer Zeit sorgfältig und ohne Talent gemalt hatte. Die Tür stand offen, die Lampen brannten und Sera ging hinein.
Die Frau am Tisch war um die fünfzig, hatte bläulich und braun gefleckte Unterarme bis zu den Ellenbogen und sah auf, als Sera eintrat, und Sera sah, wie sich in ihrem Gesicht innerhalb eines Atemzugs vier Gefühle nacheinander offenbarten: Hoffnung, Einschätzung, Erkennen, Verachtung.
Es war der graue Mantel. Er hatte keinen Saum, keinen Streifen, keine Kennzeichnung, und trotzdem erkannten die Leute in dieser Stadt ihn inzwischen an etwas, das Sera bis heute nicht hatte benennen können. Vielleicht am Stoff. Vielleicht daran, wie jemand darin ging.
“Nein”, sagte die Frau.
“Marret Ilge?”
“Ich habe dreimal auf der Wache gestanden”, sagte die Frau. “Dreimal. Und beim vierten Mal hat mir der Schreiber gesagt, ich soll aufhören zu kommen. Und jetzt schickt man mir eine von euch.” Sie legte die Hände flach auf den Tisch. “Bitte. Macht.”
Sera blieb stehen, wo sie stand.
“Von dem allem weiss ich nichts”, sagte sie. “Ich bin hier, um aufzunehmen, was in diesem Laden ist, und um das, was Sie über Ihren Bruder wissen, in eine Form zu bringen, die bei unseren Untersuchungen helfen wird. Ich gebe nur weiter, was ich sehe. Mehr will ich gar nicht.”
Marret Ilge sah sie an und Sera begann mit der Arbeit.
“Fenn Ilge”, sagte Sera. “Wie alt?”
“Neunundvierzig. Zwei Jahre jünger als ich.”
“Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?”
“Montag.” Die Frau setzte sich wieder. “Nein. Sonntagabend. Montag früh war er schon…” Sie brach ab, und Sera sah, wie sie in ihren Gedanken kramte. Scheinbar vergebens.
“Das ist normal”, sagte Sera. Das war eine Lüge. “Wir gehen jetzt anders vor. Ich werde Sie nicht fragen, woran Sie sich erinnern. Ich werde Sie durch den Sonntagabend führen, und Sie sagen mir nur, was sie getan haben. Nicht viel denken, einfach drauf los.”
Die Frau nickte unsicher.
“Der Sonntag”, sagte Sera. “Es ist Abend. Wo stehen Sie?”
“Am Kessel.”
“Welcher Kessel?”
“Der große. Hinten.” Marret Ilge deutete mit dem Kinn zum Durchgang. “Der kleine ist für Seide, aber Seide macht hier keiner mehr.”
“Was ist darin?”
“Blau. Wir hatten Blau angesetzt für die Wirtschaft an der Ecke, die machen neue Vorhänge.”
“Wie riecht das.”
Die Frau sah auf.
“Sagen Sie es mir”, sagte Sera. “Wie riecht der große Kessel, wenn Blau darin ist.”
“Nach nassem Hund”, sagte Marret Ilge, “und ein bisschen süß. Von der Beize.”
“Gut. Sie stehen am großen Kessel, es riecht nach nassem Hund und ein bisschen süß, und es ist Abend. Was tun Ihre Hände?”
“Ich rühre.” Die Frau hob unwillkürlich den rechten Arm an, eine kleine, kreisende Bewegung, und Sera nahm sie auf. “Mit der langen Krücke. Man muss von unten, sonst setzt es sich.”
“Wo ist Ihr Bruder?”
“An der Presse.” Es kam ohne Zögern. “Er drückt die Reste aus, die von Freitag. Ich höre die Presse, ich höre sie die ganze Zeit, das Ächzen, wenn er den Hebel…”
Sie hielt inne. Sie hatte die Augen jetzt halb geschlossen.
“Weiter”, sagte Sera leise.
“Er redet”, sagte Marret Ilge. “Er redet über den Stoff. Er redet seit drei Wochen über den Stoff, und ich habe ihm gesagt: Fenn, hör auf damit, lass es gut sein, du kriegst das Geld nicht wieder.”
“Welchen Stoff?”
Die Frau öffnete die Augen: “Kommen Sie mit.”
Der Trockenboden lag unter dem Dach. Ein Ballen lehnte an der Wand, aufgerollt, mannshoch, ein grober Leinenstoff von der Sorte, aus der man Säcke, Planen und Arbeitskittel machte. Er war dunkelbraun gefärbt. Flecken waren über den ganzen Ballen verteilt, unregelmäßig, handtellergroß bis armlang. Es waren Stellen, an denen der Stoff die Farbe nicht angenommen hatte, sondern grau geblieben war, mit einem schwachen Schimmer darin. Violett.
Sera stand sehr still.
“Er hat ihn dreimal durch den Kessel gezogen”, sagte Marret Ilge hinter ihr. “Dreimal. Beim dritten Mal hat er die doppelte Beize genommen und die halbe Nacht danebengestanden. Er sagte, es gibt keinen Stoff auf der Welt, der bei doppelter Beize die Farbe nicht nimmt. Er sagte, entweder ist es kein Leinen, oder es ist kein Stoff.”
“Woher hat er ihn?”
“Vom Kai. Ausschuss, spottbillig, per Fuhre. Das neue große Werk drüben, die verkaufen ihren Ausschuss in Ballen, und die halbe Unterstadt näht daraus Kittel.” Die Frau zuckte mit den Schultern. “Er hat vier Ballen genommen, weil es so billig war. Drei waren in Ordnung. Der hier nicht.”
Sera legte die Fingerspitzen an eine der Stellen. Der Stoff war dort trocken und ein wenig steif, wie Leinen, das einmal nass geworden und schlecht getrocknet ist. Sie beugte sich vor und roch daran. Nahm aber nichts wahr. Wie ein Geruchsloch im Raum. Genau dasselbe wie Phänomen wie gestern am Bettgestell.
“Was ist mit dem Stoff?”, fragte Marret Ilge.
“Ich weiß es nicht”, sagte Sera wahrheitsgemäß. “Was hat Ihr Bruder deswegen unternommen?”
“Was glauben Sie denn.” Die Frau lachte kurz und freudlos. “Er ist hin. Zum Werk. Dreimal, glaube ich. Beim ersten Mal haben sie ihm gesagt, Ausschuss ist Ausschuss und ohne Gewähr. Beim zweiten Mal hat er verlangt, dass ihm einer sagt, was da drin war, und beim dritten Mal…”, sie stockte.
“Beim dritten Mal?”, fragte Sera.
“Beim dritten Mal hat er jemanden mitgebracht”, sagte Marret Ilge langsam. “Nein. Warten Sie. Beim dritten Mal war jemand hier.”
Sera setzte sich auf die oberste Treppenstufe und ließ sich Zeit. “Wir gehen zurück”, sagte sie. “Sonntagabend. Sie stehen am großen Kessel. Es riecht nach nassem Hund und ein bisschen süß. Ihre Hände rühren, von unten, damit es sich nicht setzt. Ihr Bruder ist an der Presse und redet über den Stoff. Ich höre die Presse. Hören Sie sie auch?”
“Ja.”
“Wann hört sie auf?”
Ein langes Schweigen.
“Als es klopft”, sagte Marret Ilge.
“Wo klopft es.”
“Vorne. An der Ladentür.” Ihre Hand ging hoch, in Schulterhöhe, und blieb dort. Es war dieselbe Bewegung, die Sera am Vortag in einer anderen Küche gesehen hatte, und Sera nahm auch das auf, mit dem Gefühl, dass sich in ihr etwas zusammenzog. “Fenn geht nach vorn. Ich rühre weiter. Ich rühre, weil man nicht aufhören darf, wenn es einmal steht, dann hat man Schlieren im Stoff und kann von vorn anfangen.”
“Sie rühren. Sie hören Stimmen?”
“Zwei”, sagte die Frau. “Seine. Und eine andere.”
“Was sagt sie?”
Schweißperlen bildeten sich auf Marret Ilges Stirn. “Er hat gesprochen”, sagte Marret Ilge. “Ich weiß, dass er gesprochen hat. Ich weiß, dass er leise war und lange redete.” Ihre Stimme wurde dünn.
“Wie lange ist er geblieben?”
“Ich..”.
“Nicht die Zeit”, sagte Sera schnell. “Der Kessel. Wie weit war der Kessel, als es wieder still war?”
“Kühl”, sagte sie mit wieder fester Stimme. “Er war fast kalt. Ich habe mich gewundert als ich die Krücke rausgezogen habe. Ich weiss noch wie ich dachte: Du dumme Kuh, du stehst hier seit zwei Stunden.”
“Zwei Stunden?”
“Es kann keine zwei Stunden gewesen sein”, sagte Marret Ilge. “Ich hätte doch, man steht doch nicht zwei Stunden an einem kalten Kessel.”
“War es auch im Raum kalt?”
“Ja”, sagte sie.
Sera arbeitete den Rest des Vormittags mit ihr, und was sie herausholte, war beachtlich.
Der Sonntagabend war zurück, bis auf ein Loch von circa zwei Stunden. Der Bruder war zurück, bis auf sein Gesicht. Marret Ilge holte irgendwann einen Karton vom Regal und stellte ihn auf den Tisch. Darin lagen einige Fotografien. Auf einigen davon sollte ihr Bruder sein, aber das Gesicht kam ihr seltsam fremd vor.
“Das ist er”, sagte sie. “Ich weiß, dass er das ist. Er steht neben mir, das ist mein Kleid, das ist unsere Mutter. Aber wenn ich wegsehe und wieder hinsehe, muss ich es mir jedes Mal neu sagen.”
Sera nahm die Fotografien auf. Dann schnitt sie mit dem Messer aus der Färberei eine Handbreit von dem Ballen ab, aus einer Stelle, an der der Stoff grau geblieben war. Sie tat es ohne offizielle Erlaubnis ohne markierte dieses Beweisstück auch nicht. Sera faltete das Stück Leinen zweimal und schob es in ihren Ärmelsaum.
Sie stand einen Moment lang unten an der Ladentür in der Sonne, die es im Gerbergang um diese Zeit für ungefähr vierzig Minuten gab. Sie hatte nicht das geringste schlechte Gewissen, obwohl es die zweite Sache innerhalb von vierundzwanzig Stunden war, die sie ihrer Proktorin nicht sagen würde.