Der Sparschrank

Das Erste, was Adelheid Hanssen an diesem Morgen roch, war nicht der Ruß im Ofen und nicht das kalte Fett vom Vorabend. Es war etwas anderes. Etwas, das nicht in den Schankraum gehörte und das sie dennoch sofort erkannte: frische Nachtluft, die durch einen Spalt hereinzog, der um diese Uhrzeit längst geschlossen sein sollte.
Sie blieb in der Tür stehen, den Eimer mit Kohlen in der einen, die Petroleumlampe in der anderen Hand. Das Licht fiel in den Raum und warf lange Schatten über die umgedrehten Stühle, die auf den Tischen standen wie eine stumme Versammlung. Alles sah aus wie immer nach einer langen Nacht. Die leeren Gläser auf der Theke, der Geruch nach Tabak und verschüttetem Bier, das leise Ticken der Wanduhr. Und doch stimmte etwas nicht.

Adelheid stellte den Eimer ab und ging langsam zur Theke. Ihre Schritte hallten auf den Dielen. Dann sah sie es.

Der Sparschrank stand offen. Die Wandnische hinter der Theke, in der er seit Jahren seinen Platz hatte, gähnte ihr entgegen wie ein aufgerissener Mund. Das Schloss war abgesprengt, der Deckel zur Seite gebogen, das Holz an den Scharnieren gesplittert. Drinnen: nichts. Nur die nackte Innenseite des Kastens, ein paar Holzsplitter und der matte Abdruck, den das Geld über die Jahre ins Holz gedrückt hatte.

Adelheid griff sich an die Schürze, als müsse sie sich an etwas festhalten. Die Einnahmen der ganzen Woche. Das Spargelfest, die Extrarunden, Polfers’ Schnapsbestellung, die drei Fässer vom Holländer – alles weg. Das Geld, das ihr Vater am Montag zur Sparkasse nach Geldern hatte bringen wollen.

“Papa!”

Ihre Stimme klang schrill in der Stille des Morgens. Sie hörte oben etwas poltern, dann schwere Schritte auf der Treppe. Pitter Hanssen erschien im Türrahmen, das Haar verstrubbelt, die Augen noch halb geschlossen, das Hemd in die Hose gestopft, die er sich offenbar im Herabsteigen angezogen hatte.

“Was ist -” Er verstummte, als er Adelheids Gesicht sah. Dann folgte sein Blick dem ihren zur Theke. Für einen Moment stand er reglos. Das Blut wich aus seinen Wangen. Langsam, als koste ihn jeder Schritt Kraft, ging er zum Sparschrank und legte seine großen Hände auf den aufgebrochenen Rand.

“Herrgott”, sagte er leise. Nicht wütend. Nicht laut. Nur dieses eine Wort, das in der Morgenstille des Heideblümchens hing wie Rauch, der nicht abziehen will.


Die Nachricht erreichte die Polizeiwache in Geldern gegen halb acht. Ein Junge auf dem Fahrrad, atemlos, mit einer Botschaft von Pitter Hanssen: Einbruch im Heideblümchen, Sparschrank leer, bitte kommen.

Rudi Fleuren saß zu diesem Zeitpunkt an seinem Schreibtisch im Erdgeschoss und kämpfte gegen die bleierne Müdigkeit des Morgens. Vor ihm dampfte ein Becher Malzkaffee, dessen bitterer Geruch sich mit dem Bohnerwachs des Holzbodens mischte. Er hatte die Ärmel seines Hemdes hochgekrempelt und ordnete Karteikarten zu einem Schmuggelfall, bei dem seit Wochen nichts vorankam. Als der Junge hereinstürmte und seinen Zettel auf die Theke knallte, war Rudi der Einzige im Raum, der aufblickte.

Schmidt, der junge Kollege am Empfang, las die Nachricht und reichte sie weiter. Rudi überflog die wenigen Zeilen. Dann stand er auf, griff nach seiner Jacke und ging die knarrende Treppe hinauf.

Polizeidirektor Vermoelen saß hinter seinem Schreibtisch, die Pfeife bereits angezündet, obwohl es kaum acht Uhr war. Er hörte sich Rudis Bericht an, während er den Tabak im Pfeifenkopf festdrückte.

“Walbeck. Einbruch. Sparschrank.” Vermoelen wiederholte die Worte, als müsse er sie einzeln abwiegen. “Das Heideblümchen, sagst du? Ist das nicht die Wirtschaft von diesem Hanssen?”

“Ja. Pitter Hanssen. Ich kenne ihn gut.”

Vermoelen zog an seiner Pfeife und musterte Rudi durch den Rauch. “Gut. Dann fahr hin und kläre das. Wird irgendein Besoffener gewesen sein, der nach der Feier noch mal rein ist. So ein Spargelfest und ordentlich Alkohol – da geht schon mal der Anstand verloren.”

“Ich schaue es mir an”, sagte Rudi.

“Tu das. Und Fleuren -” Vermoelen hob die Pfeife wie einen Zeigefinger, “mach keine große Sache draus. Walbeck ist ein kleines Dorf. Da reden die Leute schnell, und dann haben wir eine Hysterie am Hals, die niemandem hilft.”

Rudi nickte und verließ das Büro. Auf der Treppe blieb er kurz stehen. Vermoelens Worte klangen vernünftig, wie so oft. Und doch nagte etwas an ihm. Ein Sparschrank, der aufgehebelt wird, war kein Werk eines betrunkenen Festgastes. Das war Vorsatz. Das war jemand, der wusste, wo das Geld lag und wie man herankommt.

Er schlüpfte in seine Uniformjacke, griff nach Mütze und Notizbuch und trat hinaus in den Morgen. Die Sonne stand bereits hoch über dem Gelderner Markt. Es würde wieder ein warmer Tag werden.


Der blaue Hanomag knatterte über die Landstraße nach Walbeck. Rudi hatte das Fenster heruntergekurbelt, und die Luft, die hereinströmte, trug den Geruch von frisch gemähtem Gras und feuchter Erde. Rechts und links der Straße erstreckten sich die Spargelfelder – sanfte Hügel aus aufgeworfener Erde, auf denen hier und da schon Arbeiter knieten, gebückt über die Reihen, die Messer in der Hand. Es war ein friedliches Bild, und Rudi ertappte sich dabei, wie er für einen Moment die Schönheit dieser Landschaft genoss, bevor die Pflicht ihn wieder einholte.

Walbeck empfing ihn mit der Stille eines Dorfes, das noch nicht ganz wach war. Ein paar Hühner pickten auf dem Weg, ein Hund lag träge im Schatten einer Scheune. Das Heideblümchen lag am Ende der kleinen Dorfstraße, ein vertrautes Gebäude mit weiß getünchten Wänden und grünen Fensterläden. Heute wirkte es anders. Vor der Tür standen drei, vier Männer und redeten mit gedämpften Stimmen. Als sie den Polizeiwagen erkannten, verstummten sie.

Rudi parkte den Hanomag, stieg aus und nickte den Männern zu. Er kannte zwei von ihnen – Bauern aus der Umgebung. Ihre Blicke waren eine Mischung aus Neugier und etwas, das Rudi als vorsichtiges Misstrauen deutete. Nicht gegen ihn persönlich. Sondern gegen das, was seine Anwesenheit bedeutete: dass etwas Schlimmes passiert war, das nicht mehr unter sich geregelt werden konnte.

Pitter stand hinter der Theke, als Rudi eintrat. Er sah aus, als hätte er seit dem Aufwachen kein einziges Mal geblinzelt. Seine großen Hände lagen flach auf dem Holz der Theke, als müsse er sich daran festhalten. Neben ihm stand Adelheid, die Arme vor der Brust verschränkt, das Gesicht gerötet – aber nicht von der Arbeit. Von der Wut.

“Rudi.” Pitter sprach seinen Namen aus, als sei er ein Gebet. “Schön, dass sie dich geschickt haben.”

“Pitter.” Rudi legte ihm kurz die Hand auf die Schulter, bevor er sich umsah. Er registrierte den Raum mit den Augen eines Ermittlers: die aufgeräumten Tische, den ausgestopften Fuchs in seiner Ecke, die Kupferstiche an den Wänden – alles unberührt. Nur hinter der Theke war die Ordnung zerbrochen.

Er beugte sich über den Sparschrank. Das Schloss war sauber abgesprengt, mit einem einzigen, kräftigen Hebelansatz. Kein stümperhaftes Herumwürgen, keine mehrfachen Ansatzspuren. Wer das getan hatte, verstand sein Werkzeug.
“Wann hast du abgeschlossen gestern Nacht?”, fragte Rudi, ohne den Blick vom Kasten zu heben.

“Gegen zwei. Vielleicht halb drei. Die letzten Gäste sind zwischen Mitternacht und eins gegangen. Dann haben wir aufgeräumt, und ich habe abgeschlossen. Vordertür, Hintertür.”

“Und das Küchenfenster?”

Pitter zögerte. “Das lasse ich manchmal auf Kipp. Wegen dem Rauch vom Herd. Aber da kommt keiner durch, Rudi, das weißt du. Da passt kein Mann durch.”
Rudi kannte das Fenster. Pitter hatte recht – es war schmal, kaum zwei Handbreit offen. Ein Kind vielleicht. Aber kein Mann, der stark genug war, dieses Schloss mit einem Ruck aufzubrechen.

“Und die Hintertür – bist du sicher, dass der Riegel vorgeschoben war?”
Pitter öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Dann sah er zu Adelheid. Die erwiderte seinen Blick und sagte leise: “Ich habe die Hintertür zugedrückt, bevor ich hoch bin. Der Riegel … ich weiß nicht mehr, ob ich ihn vorgeschoben habe. Es war spät, ich war müde.”

Rudi sagte nichts. Er notierte die Aussage in seinem Büchlein und ging zur Hintertür. Sie führte auf den kleinen Hof hinter dem Heideblümchen, eingefasst von einer niedrigen Mauer. Er drückte die Klinke. Die Tür ging auf, lautlos, ohne Widerstand. Der Riegel war nicht vorgeschoben.

Er trat hinaus in den Hof. Der Boden war hart und trocken, die Hitze der letzten Tage hatte jede Feuchtigkeit aus der Erde gezogen. Keine Fußspuren, keine Reifenabdrücke. Nur ein paar Bierkästen, ein Stapel Brennholz und der Blick über die niedrige Mauer auf die Felder dahinter.

Rudi kehrte in den Schankraum zurück. Unter dem aufgebrochenen Sparschrank, zwischen den abgesplitterten Holzstücken, lag etwas auf der Theke, das er zunächst für ein Stück Besteck gehalten hatte. Jetzt nahm er es in die Hand. Es war ein Stemmeisen – solides Werkzeug, gut gepflegt, die Klinge scharf. Und in den hölzernen Griff waren zwei Buchstaben eingeschlagen, sauber und tief, wie es Handwerker taten, um ihr Werkzeug zu kennzeichnen.

T.H.

Rudi starrte auf die Initialen. Das Blut rauschte in seinen Ohren. Er legte das Eisen vorsichtig zurück auf die Theke und drehte es so, dass die Buchstaben nach unten zeigten.

“Hast du das angefasst?”, fragte er Pitter.

“Nein. Lag so da, als Heidi es heute Morgen gefunden hat.”

“Hat es sonst jemand gesehen?”

“Nur wir beide.”

Rudi nickte langsam. Er schob das Notizbuch in seine Tasche und sah Pitter in die Augen. Sein Freund erwiderte den Blick, und für einen Moment lag etwas Unausgesprochenes zwischen ihnen – schwer und still wie die Luft vor einem Gewitter.

“Rudi”, sagte Pitter leise, “die Initialen auf dem Eisen. Du hast sie gesehen.”

“Ja.”

“Das ist nicht er. Das weißt du.”

Rudi antwortete nicht. Er zog seine Mütze zurecht und wandte sich zur Tür. Die Männer draußen sahen ihn erwartungsvoll an. Er ging an ihnen vorbei zu seinem Wagen, setzte sich hinein und ließ den Motor an. Dann saß er da, die Hände am Lenkrad, und starrte auf die staubige Dorfstraße von Walbeck.

T.H. – Theodor Hermsen. Sein Schwager. Annemaries Bruder. Der Motor brummte. Die Sonne brannte auf das Dach des Hanomag. Und Rudi wusste, dass dieser Tag sehr viel länger werden würde, als er sich vorgestellt hatte.


Die Tischlerei Hermsen lag in einer Seitenstraße unweit des Gelderner Marktes, eingeklemmt zwischen einem Kolonialwarenladen und einem Wohnhaus, dessen Fassade den Krieg besser überstanden hatte als die Nerven seiner Bewohner. Über der Werkstatttür hing ein Schild aus dunklem Holz, in das Theodor Hermsen vor Jahren selbst den Schriftzug eingeschnitzt hatte: Tischlerei Hermsen – Möbel, Reparaturen, Sonderanfertigungen. Die Farbe blätterte an den Rändern, aber die Buchstaben waren noch lesbar. Wie der Mann selbst, dachte Rudi: verwittert, aber standhaft.

Er parkte den Hanomag nicht vor der Werkstatt, sondern um die Ecke, neben der Kirche. Er wollte nicht, dass jemand den Polizeiwagen vor Theodors Tür sah und sich seinen Teil dachte. In Geldern war ein Polizeiauto vor einem Geschäft so diskret wie ein Schuss in der Nacht.

Die Tür zur Werkstatt stand offen. Aus dem Inneren drang das rhythmische Kratzen eines Hobels, begleitet vom süßen Geruch frischer Eichenspäne. Rudi trat ein und brauchte einen Moment, bis sich seine Augen an das Halbdunkel gewöhnt hatten. Die Werkstatt war nicht groß, aber penibel geordnet: Werkzeuge hingen an der Wand, sortiert nach Größe und Funktion, Holzleisten standen in Regalen, und auf der Werkbank lag ein halbfertiger Schrank, dessen Türen Theodor gerade mit feinem Schmirgelpapier bearbeitete.

Theodor blickte auf, als er Schritte hörte. Das Schmirgelpapier hielt er noch in der Hand. “Rudi?” Er legte den Kopf leicht schief, wie er es immer tat, wenn etwas Unerwartetes geschah. “Ist was mit Annemarie? Mit der Kleinen?”

“Nein, nein. Allen geht es gut.” Rudi hob die Hand, um ihn zu beruhigen. “Ich komme … dienstlich.”

Das Wort hing zwischen ihnen wie ein Fremdkörper. Theodor legte das Schmirgelpapier beiseite, klopfte sich die Späne von der Schürze und lehnte sich gegen die Werkbank. Sein Blick wurde wachsam, aber nicht ängstlich. Er war ein Mann, der Ärger nicht suchte, ihm aber auch nicht auswich.

“Dienstlich”, wiederholte er. “Dann setz dich. Oder stehen Polizisten lieber?”

Rudi lächelte nicht. Er zog einen Hocker heran, der neben einem Stapel Bretter stand, und setzte sich so, dass er Theodor direkt gegenübersaß. Zwischen ihnen lag die Werkbank mit dem halbfertigen Schrank. Rudi kam sich vor, als säße er in einem Verhörraum, nur dass der Verdächtige sein Schwager war und die Wände nach Holz rochen statt nach Schweiß und Angst.

“Theo, letzte Nacht ist im Heideblümchen in Walbeck eingebrochen worden. Der Sparschrank wurde aufgehebelt. Das ganze Geld vom Spargelfest ist weg.”

Theodor runzelte die Stirn. “Beim Pitter? Herrgott. Das ist … wer macht denn so was?”

“Das versuche ich herauszufinden.” Rudi holte Luft. Er spürte, wie seine Finger sich um das Notizbuch in seiner Tasche verkrampften. Dann sagte er es, direkt und ohne Umweg, weil alles andere schlimmer gewesen wäre: “Das Stemmeisen, mit dem der Kasten aufgebrochen wurde, trägt deine Initialen, Theo.”

Stille. Das Ticken einer Uhr, die irgendwo in der Werkstatt hing. Ein Spatz, der draußen auf der Fensterbank zwitscherte. Theodors Hände, die eben noch locker auf der Werkbank gelegen hatten, verkrampften sich. Nicht vor Schuld, das sah Rudi sofort. Vor Bestürzung.

“Meine Initialen?” Theodors Stimme war leise, fast ungläubig. “Ein Stemmeisen mit T.H.?”

“Ja.”

Theodor stieß sich von der Werkbank ab und ging zur Wand, an der seine Werkzeuge hingen. Seine Augen wanderten über die ordentlichen Reihen: Hämmer, Stechbeitel, Feilen, Sägen – jedes Stück an seinem Platz, jedes mit denselben Initialen versehen, die Theodor bei der Anschaffung eigenhändig einschlug. Er griff nach dem Haken, an dem normalerweise sein großes Stemmeisen hing. Der Haken war leer.

“Das fehlt seit zwei Wochen”, sagte er, ohne sich umzudrehen. “Vielleicht drei. Ich dachte, einer der Lehrlinge hätte es verlegt. Oder der Alfred hätte es mit auf den Hof genommen und vergessen. Ich habe es nicht gemeldet, weil … weil man so etwas nicht meldet. Man sucht es und findet es, oder man kauft ein neues.”

Er drehte sich um und sah Rudi an. In seinen Augen lag kein Zorn, sondern etwas, das Rudi als verletzte Würde erkannte. Der Mann stand in seiner eigenen Werkstatt und musste sich vor seinem Schwager rechtfertigen, weil jemand sein Werkzeug gestohlen hatte, um damit einen Freund zu bestehlen.

“Rudi, ich war am Freitagabend auf dem Spargelfest. Du weißt das. Ich bin gegen elf nach Hause, weil ich morgens um fünf in der Werkstatt stehen musste – die Lieferung für den Pastor in Straelen. Frag Annemarie, frag Pitter, frag wen du willst.”

“Ich weiß, dass du da warst, Theo. Und ich weiß, wann du gegangen bist.” Rudi sprach ruhig, aber er merkte, dass seine Stimme nicht so fest klang, wie er es sich gewünscht hätte. “Ich muss nur sicher sein. Du verstehst das.”

“Nein”, sagte Theodor. Das Wort kam schnell und hart. Dann, nach einer Pause: “Doch. Ich verstehe. Du machst deinen Job. Aber es tut trotzdem weh, Rudi.”

Rudi nickte. Er klappte sein Notizbuch auf, schrieb ein paar Zeilen und stand auf. Er hätte Theodor gerne die Hand auf die Schulter gelegt, wie er es bei Alfred tat, wenn die Dinge schwer wurden. Aber etwas hielt ihn zurück. Die Uniform vielleicht. Oder die Tatsache, dass er in diesem Moment nicht Annemaries Ehemann war und nicht Theodors Schwager, sondern Kommissar Fleuren, der einen Einbruch aufklären musste.

“Wer hat Zugang zur Werkstatt, Theo? Wer kommt und geht, außer dir und den Lehrlingen?”

Theodor überlegte. “Die Tür steht tagsüber offen, wenn ich arbeite. Kunden kommen rein, Nachbarn auch mal. Der Alfred sowieso. Und abends schließe ich ab, aber das Schloss …” Er zögerte. “Das Schloss ist kein Tresor, Rudi. Ein kräftiger Ruck, und die Tür geht auf. Das weißt du.”

Rudi wusste es. Die Straßen hier waren kein Viertel der Tresore und Gitter. Hier schloss man ab, weil es sich gehörte, nicht weil man Angst vor Einbrechern hatte. Dass jemand nachts in eine Tischlerei einsteigen würde, um ein Stemmeisen zu stehlen – auf diesen Gedanken wäre hier niemand gekommen.

“Ich halte dich auf dem Laufenden”, sagte Rudi an der Tür. “Und Theo – sag Annemarie noch nichts. Ich rede selbst mit ihr.”

Theodor nickte stumm. Dann griff er wieder zum Schmirgelpapier und beugte sich über den Schrank, als könne die Arbeit die Wunde heilen, die das Gespräch hinterlassen hatte.


Auf der Rückfahrt nach Walbeck rauchte Rudi eine Zigarette, was er selten tat. Der Rauch kratzte in seiner Kehle, aber er brauchte etwas, um die Gedanken zu sortieren. Theodor log nicht – davon war er überzeugt. Nicht weil er sein Schwager war, sondern weil Rudi in mehr als zehn Jahren als Polizist gelernt hatte, Lügen zu erkennen, und Theodors Gesicht war ein offenes Buch gewesen. Die Bestürzung war echt. Der leere Haken an der Wand war echt. Und ein Mann, der vorhat, einen Sparschrank aufzubrechen, lässt nicht sein eigenes, mit Initialen versehenes Werkzeug am Tatort liegen.

Also hatte jemand das Stemmeisen gestohlen, um es zu benutzen und dort zurückzulassen. Wer immer den Einbruch geplant hatte, wollte den Verdacht auf Theodor lenken – oder zumindest auf jemanden aus seinem Umfeld. Das war keine Gelegenheitstat. Das war Berechnung.

Rudi drückte die Zigarette im Aschenbecher des Hanomag aus und fuhr langsamer, als die ersten Häuser von Walbeck in Sicht kamen. Er musste die Gäste des Spargelfestes befragen. Nicht alle – das wäre ein Mammutwerk und Vermoelen würde ihm die Ohren langziehen -, sondern die, die als Letzte da waren. Die, die Gelegenheit hatten, die Hintertür zu entriegeln. Die, die wussten, wo der Sparschrank stand und dass er nach einer solchen Nacht randvoll sein würde.

Er hielt vor dem Heideblümchen. Pitter hatte die Tür mittlerweile geöffnet, und aus der Küche drang der Geruch von Erbsensuppe. Das Dorf musste schließlich essen, Einbruch hin oder her. Adelheid stand hinter dem Tresen und trocknete Gläser mit einer Verbissenheit, als wolle sie jedem einzelnen Glas ein Geständnis abringen.

“Pitter, ich brauche eine Liste”, sagte Rudi, als er sich an den Stammtisch setzte. “Wer war am Freitagabend hier, und vor allem: Wer war als Letzter da?”

Pitter setzte sich ihm gegenüber und rieb sich die Schläfen. Er war ein Mann, der andere mit Leichtigkeit unterhielt, aber heute lag eine Schwere auf ihm, die ihn um Jahre älter wirken ließ.

“Das halbe Dorf war da, Rudi. Beim Spargelfest kommen alle. Die Janssens, die Kuipers, der alte Derksen mit seinen Söhnen, die Lehrerinnen aus der Volksschule …” Er begann aufzuzählen und Rudi schrieb mit. “Der Polfers war auch da, natürlich. Hat seinen selbstgebrannten Schnaps mitgebracht, wie jedes Jahr. War in bester Stimmung, hat die halbe Nacht Witze erzählt.”

“Wann ist Polfers gegangen?”

Pitter kratzte sich am Kinn. “Spät. Er war einer der Letzten. Gegen eins, schätze ich. Vielleicht später. Irgendwann hat er sich von Heidi verabschiedet und ist raus. Aber zwischendurch -” Er hielt inne.

“Ja?”

“Zwischendurch ist er mal nach hinten gegangen. Frische Luft, hat er gesagt. Er war vielleicht fünf Minuten weg, dann kam er wieder rein und hat weitergetrunken.”

Rudi unterstrich den Namen in seinem Notizbuch, ohne die Miene zu verziehen. Johann Polfers. Der Bäcker. Ein Urgestein im Dorf, beliebt bei jedermann, bekannt für sein dunkles Roggenbrot und seinen selbstgebrannten Wacholderschnaps. Ein Mann, den man nicht verdächtigte, weil man ihn zu gut kannte. Oder glaubte, ihn zu kennen.

“Wer war noch als Letzter da?”

“Der Jupp Krähenbühl. Du kennst ihn – der Holländer, der ab und zu bei mir einkehrt. War den ganzen Abend an der Theke, hat viel getrunken und nicht viel gezahlt.” Pitters Stimme bekam einen Unterton, der zwischen Missbilligung und Mitleid schwankte. “Hat nachgefragt, wie das Geschäft läuft, ob viel los sei, ob die Saison gut anlaufe. Ich habe mir nichts dabei gedacht. Der fragt immer viel.”

“Und Spettmann?”, fragte Rudi.

Pitter schnaubte. “Der? Beim Spargelfest? Der kommt nie. Der feiert nicht. Der sitzt auf seinem Hof und zählt seine Spargelstangen. Aber” – Pitter beugte sich vor und senkte die Stimme – “der hat Grund, mir eins auszuwischen. Du weißt, dass er mir vorwirft, ich würde sein Geschäft kaputtmachen mit dem billigeren Bier von drüben. Letzten Monat hat er mir gedroht, er würde mir ‘das Handwerk legen’. Seine Worte.”

Rudi notierte auch das, obwohl er sich kaum vorstellen konnte, dass der starre alte Spettmann nachts in eine Wirtschaft einsteigen würde. Aber in zwanzig Jahren hatte Rudi gelernt, dass die unwahrscheinlichsten Dinge manchmal die wahrscheinlichsten waren.

“Pitter, noch eine Frage. Wer wusste, dass das Geld im Sparschrank lag und dass du es am Montag zur Sparkasse bringen wolltest?”

Pitter lehnte sich zurück und verschränkte die Arme. Sein Blick wanderte durch den Schankraum, als suche er die Antwort zwischen den Kupferstichen und den Geweihen an der Wand.

“Jeder”, sagte er schließlich. “Jeder, der hier regelmäßig trinkt, weiß, dass der Sparschrank hinter der Theke steht. Und dass ich nach großen Abenden montags zur Bank fahre. Das mache ich seit zwanzig Jahren so. Das ist kein Geheimnis, Rudi. Das ist Walbeck.”

Rudi klappte sein Notizbuch zu. Genau das war das Problem. In einem Dorf, in dem jeder alles über jeden wusste, konnte jeder der Täter sein. Und in einem Dorf, in dem Vertrauen das Fundament aller Beziehungen war, wog jeder Verdacht doppelt schwer.


Er fand Alfred auf der Straße vor dem Heideblümchen. Der Junge lehnte an der Mauer des Nachbarhauses, die Hände in den Hosentaschen, und starrte auf seine Schuhe. Als er Rudi sah, richtete er sich auf, aber seine Augen wichen aus.

“Alfred.” Rudi blieb vor ihm stehen und musterte ihn. Sein Neffe war blass, die Lippen schmal zusammengepresst. Er sah aus wie jemand, der schlecht geschlafen hatte. Oder gar nicht. “Ich muss dich was fragen. Zum Spargelfest am Freitag.”

“Ich habe gehört, was passiert ist”, sagte Alfred schnell. Zu schnell, fand Rudi. “Mit dem Sparschrank. Das ist furchtbar. Pitter hat es nicht verdient.”

“Nein, hat er nicht. Wann bist du gegangen am Freitag?”

Alfred zögerte. Sein Blick huschte zur Seite, dann zurück zu Rudi. Es war die Sorte Zögern, die Rudi aus Hunderten von Befragungen kannte: nicht das Zögern eines Lügners, der seine Geschichte konstruiert, sondern das Zögern eines Menschen, der die Wahrheit sagen will, aber fürchtet, was sie auslöst.

“So gegen Mitternacht. Vielleicht etwas später.”

“Und dann bist du direkt nach Hause?”

Wieder dieses Zögern. Alfred kaute auf seiner Unterlippe. Dann sagte er: “Ja. Direkt nach Hause.”

Es war eine Lüge, und sie beide wussten es. Rudi sah es an Alfreds Ohren, die sich röteten, an seinen Händen, die in den Hosentaschen zu Fäusten geballt waren. Der Junge verbarg etwas. Die Frage war nur: was.

“Alfred”, sagte Rudi leise, “ich bin nicht hier, um dir Ärger zu machen. Aber ich muss wissen, wo du warst. Und wenn du mich jetzt anschaust und mir die Wahrheit sagst, dann bleibt das zwischen uns. Lügst du mich an, wird es schwieriger. Für uns beide.”
Alfreds Kiefer mahlte. Er sah seinen Onkel an, und für einen Moment glaubte Rudi, der Junge würde sprechen. Aber dann senkte Alfred den Blick und schüttelte den Kopf.

“Ich bin nach Hause gegangen, Rudi. Mehr gibt es nicht zu sagen.”

Rudi betrachtete ihn noch einen Moment. Dann nickte er, drehte sich um und ging zurück zum Heideblümchen. Er würde Alfred nicht hier auf der Straße in die Enge treiben. Nicht vor den Augen des Dorfes. Aber er würde die Wahrheit herausfinden. Und er hatte das Gefühl, dass Alfreds Geheimnis – was immer es sein mochte – harmloser war als das, was sich hinter dem aufgebrochenen Sparschrank verbarg.
Im Schankraum servierte Adelheid einem alten Mann eine Schüssel Erbsensuppe. Die Normalität des Dorflebens hatte wieder eingesetzt, dünn und brüchig wie Eis im Frühjahr. Rudi setzte sich an den Tresen und bestellte einen Malzkaffee. Während er wartete, blätterte er durch seine Notizen und kreiste drei Namen ein.

  • Johann Polfers – als Letzter da, zwischendurch an der Hintertür.
  • Jupp Krähenbühl – auffällig neugierig, wenig gezahlt, viel gefragt.
  • Heinrich Spettmann – nicht anwesend, aber aufgefallen durch offene Drohung.

Drei Männer. Drei Richtungen. Und ein Stemmeisen, das auf einen vierten deutete, der es nicht gewesen sein konnte.

Rudi trank seinen Kaffee in kleinen Schlücken und dachte an Vermoelens Worte: Mach keine große Sache draus. Aber das war es bereits. Eine große Sache. Nicht wegen des Geldes – obwohl es für Pitter ein schwerer Verlust war -, sondern wegen der Art, wie der Einbruch verübt worden war. Mit Vorsatz, mit Kenntnis, mit einem gestohlenen Werkzeug als falscher Fährte. Wer so vorging, der kannte das Dorf. Der kannte das Heideblümchen. Der kannte Pitter und Theodor und die Gewohnheiten, die diese Gemeinschaft zusammenhielten.

Der Täter war einer von ihnen. Und das war das Schlimmste daran.

Rudi legte eine Münze auf den Tresen, nickte Adelheid zu und trat hinaus in die Mittagssonne. Der nächste Weg führte ihn zu Johann Polfers. Der Bäcker wohnte am anderen Ende der Dorfstraße, keine fünf Minuten zu Fuß. Sein Laden war um diese Zeit geschlossen – Polfers backte nachts und verkaufte morgens, der Nachmittag gehörte ihm.

Rudi ging die staubige Straße entlang, die Hände auf dem Rücken verschränkt, und versuchte, wie ein Spaziergänger auszusehen statt wie ein Ermittler. Aber er spürte die Blicke aus den Fenstern, das leise Raunen hinter den Gardinen. Walbeck wusste längst Bescheid.


Die Bäckerei Polfers lag am Dorfplatz, gegenüber der kleinen Kapelle, deren Glocke gerade zur vollen Stunde schlug. Einmal, zweimal – Rudi zählte mit. Zwei Uhr nachmittags. Die Hitze drückte auf das Dorf wie eine Hand auf einen schlafenden Körper. Die Fensterläden der umliegenden Häuser waren geschlossen, selbst die Spatzen hatten sich in den Schatten der Kastanie zurückgezogen, die ihre Äste über den halben Platz streckte.

Die Ladentür war verschlossen, aber hinter dem Haus hörte Rudi das Klappern von Geschirr. Er ging um das Gebäude herum und fand Johann Polfers in seinem kleinen Hinterhof, wo er auf einem wackligen Stuhl saß und Kartoffeln schälte. Neben ihm stand ein Eimer mit Wasser, in dem sich die Schalen kräuselten. Polfers trug ein offenes Hemd, die Ärmel hochgerollt, und hatte ein Geschirrtuch über die Schulter geworfen. Er sah aus wie ein Mann, der mit sich und der Welt im Reinen war.

“Servus, Rudi!” Polfers legte das Messer beiseite und stand auf. Sein Gesicht war breit und offen, die Wangen gerötet, wie immer. Er war einer dieser Männer, bei denen man nie wusste, ob die Röte vom Ofen kam, vom Schnaps oder schlicht von einer robusten Natur. “Was führt dich zu mir? Setz dich, setz dich. Willst du einen Kaffee? Oder was Stärkeres?”

“Kaffee wäre gut, danke.” Rudi setzte sich auf den zweiten Stuhl, der am Rand des Hofes stand, und legte sein Notizbuch auf das Knie. Er ließ Polfers die Küche betreten und hörte ihn drinnen hantieren – das Klirren einer Kanne, das Rascheln einer Kaffeebüchse. Die Geräusche eines Haushalts, der funktionierte. Polfers lebte allein, seit seine Frau vor drei Jahren an der Schwindsucht gestorben war. Das Dorf hatte ihn danach aufgefangen, wie Dörfer das tun: mit Aufmerksamkeit, die langsam zur Gewohnheit wurde. Polfers war seitdem ein Mann, der viel unter Leuten war – im Heideblümchen, auf dem Kirchplatz, bei jeder Feier. Er brachte seinen Schnaps mit und seine Witze, und die Leute nahmen beides gern. Niemand fragte, wie es ihm wirklich ging. Man sah ja, dass er zurechtkam.

Polfers kam mit zwei Bechern zurück und reichte Rudi einen. Der Kaffee war dünn und lau, aber Rudi trank ihn ohne Kommentar. “Schreckliche Sache mit dem Sparschrank”, sagte Polfers und setzte sich. “Habe es heute Morgen von der Kuipers gehört. Halb Walbeck redet schon darüber. Pitter muss am Boden zerstört sein.”

“Ist er”, sagte Rudi. “Du warst ja auch beim Spargelfest. Einer der Letzten, wie ich höre.”

Polfers nickte. “Natürlich. Ich bin immer einer der Letzten. Wenn Pitter die Gitarre auspackt und Heidi den Schnaps, da gehe ich doch nicht um zehn ins Bett.” Er lachte, kurz und warm. “War ein schöner Abend. Einer der besseren.”

“Pitter erzählt, du bist zwischendurch nach hinten gegangen. An die frische Luft.”

Rudi beobachtete Polfers genau, während er den Satz sagte. Es war der Moment, auf den er gewartet hatte. Nicht die Worte der Antwort waren entscheidend, sondern die Sekunde davor – der Augenblick, in dem das Gesicht des Gegenübers die Frage verarbeitet, bevor der Verstand die Kontrolle übernimmt.

Polfers’ Gesicht veränderte sich nicht. Keine Verengung der Augen, kein Zucken der Mundwinkel, kein Griff zum Becher, um Zeit zu gewinnen. Er nickte einfach.

“Ja, stimmt. Gegen Mitternacht, schätze ich. Es war stickig im Schankraum, und nach dem vierten oder fünften Schnaps wollte ich kurz an die Luft. Bin raus, habe gegen die Mauer gepinkelt – entschuldige die Offenheit – und bin wieder rein. Fünf Minuten, höchstens.”

“Und die Hintertür? Hast du sie wieder zugemacht, als du reinkamst?”

Polfers überlegte. “Ich habe sie zugezogen, ja. Aber den Riegel? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Ich war nicht mehr ganz nüchtern, Rudi, das gebe ich zu. Kann sein, dass ich den Riegel vergessen habe. Das wäre natürlich …” Er stockte. “Warte. Willst du sagen, dass jemand durch die Hintertür reingekommen ist?”

“Ich sage gar nichts. Ich stelle Fragen.”

Polfers stellte seinen Becher ab und beugte sich vor. “Rudi, ich hoffe, du denkst nicht, dass ich … Herrgott, ich bin seit dreiundzwanzig Jahren hier im Dorf. Ich backe das Brot, das die Leute essen. Ich würde Pitter doch nie …”

“Ich habe nicht gesagt, dass du irgendetwas getan hast, Johann”, sagte Rudi ruhig. “Ich versuche nur, den Abend zu rekonstruieren. Jedes Detail hilft.”

Polfers lehnte sich zurück. Der offene Ausdruck war noch da, die breiten Hände lagen ruhig auf den Knien. Aber Rudi bemerkte etwas, das ihm vorher nicht aufgefallen war: Polfers’ rechter Fuß wippte leicht, kaum sichtbar, ein unbewusstes Ventil für etwas, das unter der gelassenen Oberfläche arbeitete.

“Noch etwas, Johann. Ist dir am Abend irgendetwas aufgefallen? Jemand, der sich ungewöhnlich verhalten hat? Jemand, der sich für die Theke oder den Sparschrank interessiert hat?”

Polfers rieb sich das Kinn. “Nein, eigentlich nicht. Alle waren gut drauf. Der Krähenbühl, der Holländer, der war vielleicht etwas anhänglich. Hat sich den ganzen Abend an der Theke rumgedrückt und Pitter mit Fragen gelöchert. Aber der ist halt so. Der redet viel, wenn der Tag lang ist.”

“Danke, Johann. Das hilft mir weiter.” Rudi stand auf und streckte ihm die Hand hin. Polfers ergriff sie mit festem Druck. Sein Händedruck war warm, trocken und ehrlich – oder zumindest so konstruiert, dass er so wirkte.

Rudi ging zurück um das Haus und blieb auf dem Dorfplatz stehen. Er zögerte. Etwas an dem Gespräch ließ ihn nicht los, und es war nicht das, was Polfers gesagt hatte, sondern das, was er nicht gesagt hatte. Der Mann hatte auf jede Frage geantwortet, offen und bereitwillig. Zu bereitwillig vielleicht. Rudi kannte das Muster: Menschen, die nichts zu verbergen hatten, wurden bei Befragungen nervös, widersprüchlich, vergesslich. Menschen, die etwas zu verbergen hatten, waren manchmal erschreckend klar.

Aber das war kein Beweis. Das war ein Gefühl. Und Gefühle, das hatte ihm Kollege Walter Tünnsen in der Wache einmal gesagt, gehören in den Bauch und nicht in die Akte.


Jupp Krähenbühl war schwieriger zu finden. Der Holländer hatte keinen festen Wohnsitz diesseits der Grenze; er schlief mal bei Bekannten, mal in Scheunen, mal in einem Hochsitz am Waldrand. Rudi kannte den Typ: Grenzgänger im wörtlichsten Sinne, Leute, die zwischen den Welten lebten und in keiner ganz zu Hause waren.
Er fand ihn schließlich im Schatten der Stepprather Mühle am Dorfausgang, wo Krähenbühl auf einem umgedrehten Eimer saß und einen Apfel aß. Er war ein drahtiger Mann mit scharfen Gesichtszügen und Augen, die schneller arbeiteten als sein Mundwerk – und das wollte etwas heißen.

“Kommissar!” Krähenbühl sprang auf und nahm den Hut ab, eine Geste, die halb Respekt und halb Theatralik war. “Was verschafft mir die Ehre? Wenn es um den Kram von letzter Woche geht, an der Grenze – das war nicht ich, das war der Teunissen, ich schwöre.”

“Es geht nicht um die Grenze, Krähenbühl. Es geht um Freitagabend. Das Spargelfest.”

Krähenbühl setzte sich wieder auf seinen Eimer und biss in den Apfel. “Ach, das Fest! War nett, ja. Gute Stimmung, guter Schnaps. Und die Heidi hat gekocht wie eine Göttin.” Er grinste. “Aber ich habe für alles bezahlt, Herr Kommissar. Meistens.”

“Pitter sagt, du hast den ganzen Abend an der Theke gesessen und Fragen gestellt. Über das Geschäft, die Einnahmen, die Saison.”

Krähenbühl zuckte die Schultern. Sein Grinsen blieb, aber seine Augen wurden aufmerksamer. Rudi kannte diesen Blick – den Blick eines Mannes, der abwägt, wie viel Wahrheit ihm nützt und wie viel ihm schadet.

“Ich rede gerne, Herr Kommissar. Das ist keine Straftat, oder? Und außerdem – wer an einer Theke sitzt, redet mit dem Wirt. Das ist doch normal.”

“Normal schon. Aber die Fragen, die du gestellt hast, waren ziemlich spezifisch. Wie viel Umsatz an einem Festabend reinkommt, ob Pitter das Geld im Haus aufbewahrt, wann er es zur Sparkasse bringt.”

Rudi bluffte. Pitter hatte die Fragen nicht im Detail wiedergegeben, nur erwähnt, dass Krähenbühl “komische Fragen” gestellt habe. Aber ein Bluff war manchmal alles, was man brauchte, um eine Reaktion zu provozieren.

Krähenbühl hörte auf zu kauen. Langsam legte er den Apfel beiseite und wischte sich die Hände an der Hose ab. “Herr Kommissar, ich werde Ihnen mal was sagen. Ich bin ein Schmuggler, ja. Ein kleiner. Zigaretten, manchmal Kaffee, hin und wieder ein Fass Bier. Das wissen Sie, und Sie drücken meistens ein Auge zu, wofür ich Ihnen dankbar bin.” Er beugte sich vor, und sein Tonfall wurde ernst. “Aber ich bin kein Einbrecher. Ich stehle nicht. Nicht von Pitter Hanssen und nicht von irgendwem sonst in diesem Dorf. Warum sollte ich? Diese Leute sind meine Kunden, verdammt nochmal. Wenn ich die beklau, kann ich mein Geschäft gleich einstampfen.”

Es war die längste zusammenhängende Rede, die Rudi je von Krähenbühl gehört hatte. Und sie hatte die eigenartige Überzeugungskraft einer Wahrheit, die aus dem Eigeninteresse geboren wurde. Krähenbühl hatte recht: Ein Schmuggler, der seine Abnehmer bestiehlt, sägt an dem Ast, auf dem er sitzt.

“Wann bist du gegangen am Freitag?”

“Gegen Mitternacht. Vorher. Ich hatte noch was zu erledigen an der Grenze. Keine Details, bitte.” Er hob die Hände. “Aber wenn Sie wollen, fragen Sie den Kuipers-Jungen. Der hat mich noch laufen sehen.”

Rudi notierte den Namen. Wenn Krähenbühls Alibi stimmte, war er vor dem Einbruch bereits weg gewesen. Das hier führte zu nichts.


Rudi fuhr nicht sofort zurück nach Geldern. Stattdessen hielt er den Hanomag am Ortsrand an, dort, wo die Straße einen Bogen um ein kleines Wäldchen machte, und stieg aus. Er brauchte Luft. Nicht die stickige Luft des Schankraums und nicht die nach Mehl und Einsamkeit riechende Luft hinter Polfers’ Haus. Sondern die Luft des flachen Landes, die über die Felder strich und nach Erde und Gräsern roch.

Er lehnte sich gegen die Motorhaube und breitete sein Notizbuch auf dem warmen Blech aus. Die Fakten. Er musste bei den Fakten bleiben.

Erstens: Der Einbruch war geplant. Das Stemmeisen wurde Wochen vorher gestohlen. Der Täter kannte die Werkstatt, kannte Theodors Werkzeug. Zweitens: Der Zugang erfolgte durch die Hintertür, die von innen entriegelt worden war. Wer immer das getan hatte, war am Abend im Heideblümchen gewesen – als Gast. Drittens: Der Täter wusste, wo der Sparschrank stand, dass er nach dem Spargelfest voll sein würde, und dass Pitter das Geld erst am Montag zur Bank brachte. Wissen, das im Dorf allgemein zugänglich war, aber das dennoch eine gewisse Nähe zum Heideblümchen voraussetzte.

Rudi starrte auf seine Notizen und ließ die Namen vor seinem inneren Auge vorbeiziehen. Spettmann hatte ein Motiv, aber er war nicht beim Fest gewesen und konnte die Hintertür nicht entriegelt haben. Krähenbühl war neugierig, aber er war früh gegangen und hatte vermutlich ein Alibi. Blieb Polfers. Der Mann, der nach hinten gegangen war. Der Mann, der den Riegel vielleicht nicht vorgeschoben hatte. Der Mann, der zu offen geantwortet hatte.

Aber: Gefühle gehören in den Bauch und nicht in die Akte.

Rudi brauchte etwas Handfestes. Er klappte das Notizbuch zu, stieg in den Wagen und wendete. Nicht nach Geldern. Zurück ins Dorf. Aber nicht zum Heideblümchen und nicht zu Polfers. Sondern zum Kolonialwarenladen der Kuipers, der einzigen anderen Anlaufstelle in Walbeck, die über alles Bescheid wusste, was im Dorf geschah.


Frau Kuipers stand hinter ihrem Ladentisch und sortierte Konservendöschen in ein Regal, als Rudi eintrat. Sie war eine kleine, rundliche Frau mit scharfen Augen und einem Mund, der selten stillstand. Wenn Pitters Wirtschaft das Herz von Walbeck war, dann war Kuipers’ Laden das Ohr.

“Herr Fleuren! Na, das ist ja mal ein Besuch. Kommen Sie wegen dem Sparschrank? Furchtbar, nicht wahr? Ich sage ja immer, man soll sein Geld nicht übers Wochenende liegen lassen, aber hört ja keiner.”

“Guten Tag, Frau Kuipers. Ja, ich ermittle in der Sache. Sagen Sie – Sie kennen ja jeden hier im Dorf. Ist Ihnen in den letzten Wochen irgendetwas Ungewöhnliches aufgefallen? Jemand, der Geldsorgen hat? Jemand, der sich anders verhält als sonst?”

Frau Kuipers stellte die Dose ab und legte den Kopf schief. Rudi kannte den Ausdruck: Sie wählte aus ihrem enormen Vorrat an Dorfinformationen das Passende aus, wie man Kartoffeln sortiert – die großen nach links, die kleinen nach rechts, die faulen in den Eimer.

“Also”, begann sie und senkte die Stimme, obwohl außer ihnen niemand im Laden war, “das mit dem Polfers, das hat ja jeder mitbekommen. Der hat Schulden, Herr Fleuren. Seit die Liesel gestorben ist, läuft das Geschäft nicht mehr richtig. Der neue Bäcker in Straelen, der Hendricks, der macht ihm das Leben schwer. Billigeres Mehl, größere Brote, niedrigere Preise. Der Polfers kann da nicht mithalten.”

“Schulden?” Rudi hob die Augenbrauen. “Bei wem?”

“Na, bei dem Geldverleiher in Geldern. Dem Salomons. Wie viel genau, das weiß ich nicht, aber genug, dass er letzten Monat sein Mehl auf Kredit nehmen musste. Bei mir.” Sie tippte auf die Ladentheke, als sei dort der Beweis eingraviert. “Siebzehn Mark und fünfzig. Noch offen.”

Rudi schrieb die Zahl auf, obwohl sie für den Fall vermutlich nebensächlich war. Aber sie zeichnete ein Bild: ein Mann, dessen Leben leise zerbrach, während er nach außen hin noch Schnaps mitbrachte und Witze erzählte.

“Und sonst? Ist Ihnen an Polfers in letzter Zeit etwas aufgefallen?”

Frau Kuipers überlegte. “Nun ja. Vorgestern – also am Tag nach dem Fest – hat er bei mir Mehl bestellt. Nicht das übliche. Hollandmehl. Das teure. Weißmehl, erste Güte. Ich hab mich gewundert, weil er seit Monaten immer nur das billigste nimmt. Und er hat bar bezahlt.”

Rudi spürte, wie sich etwas in seiner Brust zusammenzog. Nicht Triumph, nein. Etwas Schweres, Trauriges. Das Gefühl, eine Tür zu öffnen, hinter der etwas lag, das man lieber nicht sehen wollte.

“Bar bezahlt”, wiederholte er. “Und die offene Rechnung von siebzehn Mark?”

“Noch offen.” Frau Kuipers sah ihn an, und zum ersten Mal lag in ihrem Blick nicht die übliche Neugier, sondern etwas, das an Unbehagen grenzte. “Herr Fleuren, Sie glauben doch nicht, dass der Polfers … der Johann ist doch kein…”

“Ich glaube gar nichts, Frau Kuipers”, sagte Rudi und klappte sein Notizbuch zu. “Ich sammle Fakten. Und ich wäre Ihnen dankbar, wenn das, was wir hier besprochen haben, unter uns bleibt.”

Frau Kuipers nickte, aber Rudi wusste, dass diese Bitte ungefähr so viel Aussicht auf Erfolg hatte wie der Versuch, die Niers mit einem Löffel umzuleiten. Spätestens morgen früh würde halb Walbeck wissen, dass der Kommissar aus Geldern bei der Kuipers nach Johann Polfers gefragt hatte. Er musste schnell handeln.


Auf der Rückfahrt nach Geldern verdichteten sich die Gedanken. Das Stemmeisen, Wochen vorher gestohlen. Die Hintertür, von innen entriegelt. Das teure Mehl, bar bezahlt, einen Tag nach dem Einbruch. Die Schulden beim Geldverleiher. Die tote Frau, das schrumpfende Geschäft, die Konkurrenz aus Straelen. Und ein Mann, der auf jede Frage die richtige Antwort hatte, mit dem richtigen Lächeln und dem richtigen Händedruck. Nur sein rechter Fuß hatte gewippt.

Rudi dachte an etwas, das Walter Tünnsen ihm einmal gesagt hatte, an einem Abend im Archiv, als sie gemeinsam alte Fallakten sortierten: “Die schlimmsten Verbrechen, Rudi, werden nicht von Monstern begangen. Sondern von Leuten, die nicht mehr wissen, wie sie ihre Rechnungen bezahlen sollen.”

Der Hanomag knatterte über die Landstraße. In der Ferne glitzerte der Turm der Gelderner Kirche. Rudi musste zu Vermoelen. Er brauchte die Erlaubnis, Polfers’ Haus zu durchsuchen. Er brauchte Beweise. Und er brauchte sie, bevor Frau Kuipers’ Mund schneller war als seine Füße.

Aber zuerst, dachte er, während er an der Kreuzung nach Geldern abbog, musste er noch einmal mit Alfred sprechen. Denn auch wenn sein Neffe nichts mit dem Einbruch zu tun hatte – davon war Rudi mittlerweile überzeugt -, so verbarg der Junge etwas. Und in einem Fall, in dem jeder jeden kannte und jedes Geheimnis die Ermittlung vergiftete, konnte er sich keine blinden Flecken leisten. Nicht bei Fremden. Und schon gar nicht in der eigenen Familie.

Die Sonne stand tief, als er die Stadtgrenze erreichte. Lange Schatten fielen über die Straße. Es war schon Nachmittag, und Rudi hatte seit dem Morgen nichts anderes als Kaffee zu sich genommen. Sein Magen knurrte, seine Augen brannten. Aber der Fall ließ ihn nicht los.


Alfred saß auf der Treppe vor Theodors Werkstatt, als Rudi in die Seitenstraße einbog. Der Junge hatte die Ellbogen auf die Knie gestützt und das Gesicht in den Händen vergraben. Er sah aus wie jemand, der auf eine schlechte Nachricht wartete und sie gleichzeitig fürchtete. Als er Rudis Schritte hörte, hob er den Kopf. Seine Augen waren gerötet.

“Papa hat mir erzählt, dass du da warst”, sagte er leise. “Wegen dem Stemmeisen.”

“Ja.” Rudi setzte sich neben ihn auf die Stufe. Die Steine waren warm von der Nachmittagssonne. Aus der Werkstatt drang das dünne Summen einer Fliege, sonst nichts. Theodor war offenbar nicht da. “Alfred, ich muss nochmal mit dir reden. Und diesmal brauche ich die Wahrheit.”

Alfred presste die Lippen zusammen. Sein Blick wanderte die Straße entlang, als suche er einen Fluchtweg. Aber es gab keinen. Nicht vor Rudi, und nicht vor dem, was ihn drückte.

“Ich habe nichts mit dem Einbruch zu tun”, sagte er, und seine Stimme brach ein wenig. “Das musst du mir glauben, Rudi. Ich würde Pitter nie -“

“Ich weiß.” Rudis Stimme war ruhig, fast sanft. “Ich glaube dir. Aber du hast mich heute Mittag angelogen, als ich dich gefragt habe, wann du nach Hause gegangen bist und ob du direkt nach Hause gegangen bist. Du warst irgendwo anders. Und ich muss wissen, wo.”

Stille. Das Summen der Fliege in der Werkstatt. Eine Schwalbe, die über die Dächer schoss. Alfred schluckte schwer, und Rudi sah, wie sich in seinen Augen etwas löste – nicht die Angst, aber der Widerstand, der die Angst zusammengehalten hatte.

“Ich war bei Maartje”, sagte er schließlich, kaum hörbar.

“Maartje?”

“Maartje van Dijk. Ihr Vater hat den Hof hinter Herongen, gleich über der Grenze.” Alfred sprach jetzt schneller, als wolle er die Worte loswerden, bevor er es sich anders überlegte. “Wir treffen uns seit ein paar Wochen. Heimlich. Ihr Vater will nichts von einem deutschen Jungen wissen, und wenn mein Vater erfährt, dass ich nachts über die Grenze -” Er brach ab und sah Rudi an. “Bitte sag ihm nichts. Bitte.”

Rudi betrachtete seinen Neffen. Achtzehn Jahre alt, verliebt in ein Mädchen auf der anderen Seite einer Grenze. Er musste an sich selbst denken, an seine eigene Jugend, an die Mädchen, die er heimlich getroffen hatte, bevor Annemarie in sein Leben getreten war.

“Kann jemand bestätigen, dass du dort warst? Ohne dass es den ganzen Landkreis etwas angeht?”

Alfred überlegte. “Der Kuipers-Junge. Der Jan. Er hat mich am Freitagabend an der Grenze gesehen, auf dem Weg nach Herongen. Ich habe ihm zugenickt, aber wir haben nicht gesprochen. Er weiß aber, dass ich da war.”

Der Kuipers-Junge. Derselbe, den Krähenbühl als Alibi-Zeugen benannt hatte. Rudi hätte beinahe gelächelt. In einer Grenzregion, in der nachts offenbar mehr los war als tagsüber, war dieser Jan Kuipers so etwas wie ein unfreiwilliger Nachtwächter.
“Gut”, sagte Rudi. “Ich rede mit dem Kuipers-Jungen. Diskret. Und deinem Vater sage ich nichts von der Holländerin. Das ist deine Sache, Alfred. Aber lüg mich nie wieder an. Nicht bei einer Ermittlung.”

Alfred nickte stumm. Dann, nach einem Moment, sagte er: “Danke, Rudi.”

Rudi klopfte ihm auf die Schulter und stand auf. Auf dem Weg zum Wagen fühlte er sich leichter. Nicht weil der Fall einfacher geworden wäre. Aber Alfred war raus. Theodor war raus. Krähenbühl war so gut wie raus. Spettmann war unwahrscheinlich. Der Kreis zog sich enger.


Vermoelen hörte ihm zu, ohne ihn zu unterbrechen. Das war ungewöhnlich. Normalerweise unterbrach der Polizeidirektor nach dem dritten Satz, stellte Gegenfragen, blies Rauch in die Luft und ordnete die Gedanken seiner Untergebenen neu, bevor sie selbst damit fertig waren. Diesmal nicht. Diesmal saß er hinter seinem Schreibtisch, die Pfeife erloschen in der Hand, und ließ Rudi reden.

Rudi legte alles auf den Tisch: das gestohlene Stemmeisen, die entriegelte Hintertür, Polfers’ nächtlichen Gang nach draußen, die Schulden beim Geldverleiher, das teure Mehl, das bar bezahlt worden war. Er legte es dar wie ein Tischler, der die Teile eines Möbelstücks vor dem Zusammenbau präsentiert: einzeln betrachtet harmlose Holzstücke, zusammengefügt ein klares Bild.

Als er fertig war, schwieg Vermoelen eine Weile. Er drehte die erloschene Pfeife zwischen seinen Fingern, einmal, zweimal. Dann legte er sie ab.

“Der Polfers”, sagte er. Nicht als Frage. Als Feststellung, der noch die Zustimmung fehlte.

“Ja.”

“Der Bäcker.”

“Ja.”

Vermoelen stand auf und trat ans Fenster. Draußen ging der Samstagnachmittag in den frühen Abend über. Das Licht über dem Gelderner Markt wurde wärmer, weicher, als wolle es die Kanten der Welt glätten.

“Das wird Wellen schlagen, Fleuren. Der Mann ist beliebt. Die Leute kaufen sein Brot. Die Leute trinken seinen Schnaps. Wenn wir ihn falsch beschuldigen -“

“Ich beschuldige niemanden. Ich brauche eine Genehmigung, sein Haus zu durchsuchen. Wenn das Geld dort ist, haben wir unseren Fall. Wenn nicht, hat er nichts zu befürchten.”

Vermoelen drehte sich um. Sein Blick war der eines Mannes, der Karrieren gesehen hatte, die an solchen Entscheidungen zerbrochen waren – auf beiden Seiten des Schreibtisches.

“Gut”, sagte er schließlich. “Du bekommst dein Papier. Heute Abend noch. Aber hör mir zu, Rudi: Wenn du dort hingehst, gehst du leise. Kein Hanomag vor der Tür. Keine Zuschauer. Und wenn du dich irrst, dann war es deine Idee und nicht meine. Verstanden?”

“Verstanden.”

Vermoelen nickte. Dann griff er zur Pfeife und zündete sie an. “Nimm den Tünnsen mit. Der ist leise.”


Es war kurz nach neun, als Rudi und Walter Tünnsen durch Gassen von Walbeck gingen. Die Dämmerung hatte sich über das Dorf gelegt, ein blaues Zwielicht, in dem die Häuser wie Scherenschnitte vor dem Himmel standen. Aus dem Heideblümchen drang gedämpfte Musik. Irgendwo bellte ein Hund.

Walter ging neben Rudi her, die Hände auf dem Rücken, die Schultern gerade, als marschiere er noch immer über einen Kasernenhof. Er hatte kein Wort gesagt, seit Rudi ihm den Fall auf der Fahrt erklärt hatte. Das war Walters Art: zuhören, verarbeiten, dann handeln. Keine überflüssigen Worte, keine überflüssigen Gesten.

“Was glaubst du, Walter?”, fragte Rudi leise, während sie auf Polfers’ Haus zugingen.

Walter schwieg einen Moment. Dann sagte er, ohne den Blick von der Straße zu nehmen: “Ich glaube, dass ein Mann, der nachts in eine Wirtschaft einsteigt und mit seinem Plan durchkommt, sich am nächsten Tag für schlau hält. Und schlaue Männer machen einen Fehler, Rudi: Sie fangen an, Geld auszugeben.”

Rudi nickte. Genau das hatte er gedacht. Das teure Mehl war nicht nur ein Indiz. Es war das Zeichen eines Mannes, der nach Monaten der Entbehrung endlich wieder atmen konnte – und dabei vergessen hatte, dass man beim Atmen Geräusche macht.
Polfers’ Haus war dunkel. Kein Licht hinter den Fenstern, kein Rauch aus dem Schornstein. Rudi klopfte an die Hintertür – dreimal, fest, aber nicht laut. Nichts. Er klopfte erneut.

Dann ein Geräusch. Schritte, langsam und schwer, als würde jemand über einen Boden gehen, den er nicht berühren wollte. Eine Petroleumlampe flackerte auf, und das Licht sickerte durch die Türritzen wie Wasser durch einen Deich.

Die Tür öffnete sich. Polfers stand im Rahmen, die Lampe in der Hand. Er trug dieselben Sachen wie am Nachmittag, nur dass das Geschirrtuch von der Schulter verschwunden war. Als er Rudi erkannte, dann Walter hinter ihm, und dann das Papier in Rudis Hand, verstand er.

Es war ein Moment, den Rudi nie vergessen würde. Kein dramatischer Zusammenbruch, kein wütendes Leugnen, kein Fluchtversuch. Nur ein leises Einsinken der Schultern, kaum sichtbar im flackernden Licht der Lampe. Als würde eine Konstruktion, die seit Tagen unter Spannung stand, endlich nachgeben.

“Rudi”, sagte Polfers. Nicht Herr Kommissar. Nicht Fleuren. Rudi. Sein Blick war müde und – Rudi suchte nach dem richtigen Wort – erleichtert. So, als hätte er auf diesen Moment gewartet, seit er am Freitagabend die Hintertür des Heideblümchens entriegelt hatte.

“Johann”, sagte Rudi. “Wir haben eine Genehmigung, dein Haus zu durchsuchen. Aber wenn du uns freiwillig zeigst, wo das Geld ist, dann ist das besser für dich. Für alle.”

Polfers stellte die Lampe auf den Küchentisch. Er sah Walter an, der im Türrahmen stand und ihn ruhig und ohne Vorwurf musterte. Dann sah er Rudi an. Und dann tat er etwas, das Rudi nicht erwartet hatte: Er lachte. Kurz, leise, bitter.

“Ich dachte, ich hätte mehr Zeit”, sagte er. “Ein paar Tage wenigstens. Ich wollte das Geld zurücklegen, Rudi. Ich schwöre es. Ich wollte es nur … leihen. Weil mir niemand mehr was leiht.”

Rudi sagte nichts. Er ließ Polfers reden, weil er wusste, dass die Wahrheit jetzt kam, nicht in den geordneten Sätzen des Nachmittags, sondern in dem unordentlichen Durcheinander eines Mannes, der keinen Grund mehr hatte, sein Gesicht zu wahren.

“Der Salomons”, fuhr Polfers fort und rieb sich die Augen, “der hat mir gedroht. Letzte Woche. Wenn ich bis Ende des Monats nicht zahle, nimmt er mir den Ofen. Verstehst du, was das heißt? Ohne Ofen bin ich kein Bäcker mehr. Dann bin ich nichts.”

Er setzte sich an den Küchentisch, schwer, als trügen seine Beine ihn nicht mehr. Rudi setzte sich ihm gegenüber. Walter blieb stehen, die Hände auf dem Rücken, ein stiller Zeuge.

“Das Stemmeisen”, sagte Rudi leise. “Wann hast du es aus Theodors Werkstatt genommen?”

“Vor drei Wochen. Eines Abends, als Theodor schon zu war. Die Tür geht leicht auf, das weißt du ja.” Polfers strich mit dem Daumen über die Tischplatte, eine mechanische Geste, als suche er in der Maserung des Holzes nach den richtigen Worten. “Ich wollte den Verdacht auf jemand anderes lenken. Nicht auf Theodor, versteh mich nicht falsch. Auf irgendjemanden. Ich dachte, wenn die Polizei ein Werkzeug findet, das nach jemand anderem aussieht, dann -” Er brach ab.

“Dann suchen wir in die falsche Richtung”, sagte Rudi.

“Ja.” Das Wort kam als Flüstern. “Ich bin kein schlechter Mensch, Rudi. Ich habe nur … keinen Ausweg mehr gesehen.”

Rudi betrachtete den Mann, der ihm gegenübersaß. Breite Schultern, rötliche Wangen, Hände, die seit Jahrzehnten Teig kneteten und Brote formten. Ein Mann, der dem Dorf frühmorgens den Duft frischen Brotes schenkte und abends den Geschmack scharfen Schnapses. Der auf Feiern die Arme um Fremde legte und “Auf das Leben!” rief, während sein eigenes zerbrach. Rudi spürte keinen Zorn. Nur eine stumpfe Traurigkeit, die sich wie Blei in seinen Magen senkte.

“Wo ist das Geld, Johann?”

Polfers stand auf und ging in die Backstube nebenan. Rudi und Walter folgten ihm. Der Raum war kühl und roch nach Hefe und altem Ruß. Der große Backofen stand an der Rückwand, daneben Säcke mit Mehl – darunter einer, der heller war als die anderen, mit holländischer Beschriftung. Polfers kniete sich vor einen Schrank unter der Arbeitsfläche, öffnete ihn und zog einen Leinenbeutel hervor. Er legte ihn auf die Arbeitsplatte.

Rudi öffnete den Beutel. Scheine und Münzen, sorgfältig gebündelt. Er zählte nicht. Das würde später geschehen, auf der Wache, mit Protokoll und Zeugen. Aber es war offensichtlich, dass der größte Teil noch da war. Polfers hatte erst das Mehl gekauft – den Rest hatte er nicht anrühren können. Vielleicht, weil das Gewissen schwerer wog als die Schulden.

“Johann Polfers”, sagte Rudi, und jetzt sprach nicht der Freund und nicht der Nachbar, sondern der Kommissar, “ich nehme dich wegen des Verdachts auf Einbruch und Diebstahl fest. Du hast das Recht, vor dem Amtsgericht Geldern auszusagen.”
Polfers nickte. Er griff nach seiner Jacke, die über einem Stuhl hing, und zog sie an. Es war eine langsame, würdevolle Bewegung, die Rudi an einen Mann erinnerte, der sich für seine eigene Beerdigung kleidete.

Walter nahm den Leinenbeutel und den Mehlsack als Beweismittel an sich. Dann verließen sie zu dritt das Haus durch die Hintertür, wie Rudi es versprochen hatte: leise, ohne Zuschauer, ohne den Hanomag vor der Tür.

Aber als sie die Gasse entlanggingen, sah Rudi aus dem Augenwinkel, wie sich hinter einem Fenstervorhang eine Gardine bewegte. Walbeck schlief nie.


Drei Tage später.

Der Schankraum des Heideblümchens war fast leer. Ein Bauer saß in der Ecke und löffelte Suppe, zwei alte Frauen teilten sich eine Kanne Tee am Fenster. Es war später Nachmittag, die tote Stunde zwischen Mittagessen und Feierabend, in der selbst das Dorfgespräch Pause machte.

Rudi saß am Stammtisch, den Hut neben sich, ein Glas Bier vor sich, das er kaum anrührte. Pitter kam mit einem Teller Brot und Käse und stellte ihn wortlos vor ihn hin. Dann setzte er sich.

Eine Weile sagten sie nichts. Pitter drehte ein leeres Glas zwischen seinen großen Händen, eine Angewohnheit, die Rudi seit Jahren kannte und die bedeutete, dass er nachdachte. Draußen zog eine Wolke vor die Sonne, und der Schankraum wurde für einen Moment dunkler, als hätte jemand das Licht heruntergedreht.

“Das Geld ist vollständig”, sagte Rudi schließlich. “Bis auf fünfundzwanzig Mark und ein paar Zerquetschte. Das Mehl.”

Pitter nickte. “Ich weiß. Dein Kollege war heute Morgen da. Hat es mir übergeben. Ordentlich gezählt, mit Quittung und allem.” Er drehte das Glas weiter. “Walter, hieß er. Netter Mann. Still.”

“So ist Walter.”

Wieder Stille. Der Bauer in der Ecke zahlte und ging. Die Eingangstür fiel leise ins Schloss. Von der Küche her klapperte Adelheid mit Töpfen.

“Ich habe Johann gestern auf der Wache besucht”, sagte Pitter. “Er sah aus wie … na ja. Er sah aus wie ein Mann, dem alles genommen wurde. Oder der sich selbst alles genommen hat. Schwer zu sagen, was schlimmer ist.”

“Wie ging es ihm?”

“Er hat geweint.” Pitter sagte es ohne Urteil, ohne Sentimentalität. Nur eine Feststellung. “Er hat mich um Verzeihung gebeten. Hat gesagt, er hätte es zurückgebracht. Dass es nur eine Leihe sein sollte, bis er auf die Füße kommt.”
“Glaubst du ihm?”

Pitter stellte das Glas ab und sah Rudi an. Sein Blick war nicht wütend. Nicht traurig. Etwas dazwischen, etwas, für das Rudi kein Wort kannte, das aber am ehesten so klang wie: müde.

“Ich glaube, er hat es sich selbst geglaubt”, sagte Pitter. “Und manchmal reicht das, um etwas Dummes zu tun.”

Rudi trank einen Schluck Bier. Es war kühl und herb, und er schmeckte das Malz auf der Zunge, während er über Pitters Worte nachdachte. Draußen schob sich die Wolke weiter, und das Licht kehrte zurück, fiel durch die kleinen Fenster und zeichnete helle Rechtecke auf den Holzboden.

“Hättest du ihm Geld geliehen, wenn er gefragt hätte?”, fragte Rudi.

Pitter antwortete nicht sofort. Er griff nach dem Bierglas, das vor Rudi stand, und hielt es für einen Moment ins Licht, als betrachte er die Farbe. Dann stellte er es zurück. “Vermutlich ja”, sagte er leise. “Und das ist das Traurige daran, Rudi. Nicht, dass er gestohlen hat. Sondern, dass er nicht gefragt hat.”

Adelheid kam aus der Küche, wischte sich die Hände an der Schürze ab und blieb neben ihrem Vater stehen. Sie legte ihm kurz die Hand auf die Schulter, eine Geste, die alles sagte, was Worte nicht konnten. Dann wandte sie sich an Rudi.

“Noch ein Bier, Herr Kommissar?”

“Nein, danke, Heidi. Ich muss gleich los.”

“Schade.” Sie lächelte, aber es war ein Lächeln, das nicht bis in die Augen reichte. “Papa hat neue Holunder-Limonade gemacht. Die wäre auch was.”

“Nächstes Mal”, sagte Rudi und stand auf.

Er griff nach seinem Hut und legte eine Münze auf den Tisch. Pitter schob sie zurück.

“Lass stecken.”

“Pitter -“

“Lass stecken, habe ich gesagt.” Die Stimme war fest, aber warm. Es war keine Großzügigkeit. Es war eine Rückkehr zur Normalität. So, als könne ein unbezahltes Bier die Ordnung der Dinge wiederherstellen, die ein aufgebrochener Sparschrank zerstört hatte.

Rudi nickte. Er drückte Pitter kurz die Hand, nickte Adelheid zu und trat hinaus.


Die Abendluft war mild. Über den Feldern hinter dem Dorf stieg Nebel auf, dünn und silbrig, und aus der Ferne hörte Rudi das Rufen der Krähen, die sich in den Bäumen am Feldweg sammelten. Es roch nach Erde, nach den letzten Spargeltrieben der Saison, nach dem Sommer, der sich ankündigte.

Er ging zum Wagen, der am Dorfrand stand, und setzte sich hinein, ohne den Motor anzulassen. Er saß da und schaute durch die Windschutzscheibe auf die Straße, die nach Geldern führte. In ein paar Tagen würde das Dorf über andere Dinge reden. Die Spargelernte, das Wetter, die Predigt vom Sonntag. Polfers würde vor dem Amtsgericht stehen, und der Richter würde urteilen, und das Urteil würde milde ausfallen oder streng, und das Leben würde weitergehen.

Aber Rudi wusste, dass etwas zerbrochen war, das sich nicht flicken ließ. Nicht der Sparschrank – Holz ließ sich reparieren. Sondern das Gefühl, dass man in Walbeck seine Türen nicht abzuschließen brauchte, weil man den Nachbarn kannte und dem Nachbarn vertraute. Das Gefühl, das Pitter gemeint hatte, als er das Glas drehte und sagte: “Nicht, dass er gestohlen hat. Sondern, dass er nicht gefragt hat.”

Rudi startete den Motor. Der Hanomag erwachte knatternd zum Leben. Er legte den Gang ein und fuhr los, vorbei an den Häusern mit den geschlossenen Fensterläden, vorbei an der Kapelle, vorbei an Polfers’ dunkler Bäckerei, die erstmal nicht öffnen würde.

Als er das Dorf hinter sich ließ, fiel sein Blick in den Rückspiegel. Im letzten Licht des Tages sah er die Silhouette des Heideblümchens. Morgen würde Adelheid den Schankraum fegen und Pitter die Stühle von den Tischen heben und das Bier zapfen und die Gitarre stimmen. Das Heideblümchen würde weiterleben.