Mehr als ein Jahr lang stand der 26.10.2026 bei mir im Kalender. In diesem Jahr ist viel passiert; auch Dinge, die diesen Termin für eine gewisse Zeit unwahrscheinlich erschienen ließen. Letztendlich hat es aber doch geklappt und wir konnten (nur noch zu zweit statt zu viert) das gesamte Critical Role Team in London live erleben. Für mich eine große Sache und definitiv ein Punkt auf der Bucketlist des Lebens abgehakt.
Als die Jubilee Line in North Greenwich hielt, hörte man schon eine unangenehme Gruppe von Fans, welche jedem Reisenden (egal ob eingeweiht oder nicht) ein lautes “CRITICAL ROLE!” entgegen brüllte. Diese ließen wir aber einfach links liegen. Direkt beim Verlassen der Ubahn-Station war klar, wohin wir mussten: Wehende Umhänge, spitze Ohren, selbstgenähte Wappenröcke, Geweihe aus Draht und Filz, dazwischen unzählige Shirts mit dem roten Mond und den Stationen der “Echoes of Exandria”-Tour.
Draußen auf der Peninsula Square leuchtete die riesige weiße Kuppel der O2 in den Himmel und überall war das Eventplakat zu sehen. Für mich eine surreale Tatsache, ist Critical Role in meinem Kopf halt immer noch ein kleines und intimes Projekt, welches man im Internet gucken kann.

In der Schlange vor dem Einlass, die sich gegen 16:30 Uhr langsam in Bewegung setzte, wurde mir bewusst, wie wunderbar verrückt das alles eigentlich ist. Tausende und Abertausende Menschen strömen an einem ganz gewöhnlichen Wochentag in eine der größten Arenen Europas, um acht Leuten dabei zuzusehen, wie sie Würfel werfen und gemeinsam eine Geschichte erzählen. Man hatte das Gefühl unter Gleichgesinnten zu sein, fühlte sich trotz der Menschenmassen wohl. Zumindest erging es mir so.
Als wir unsere Plätze gefunden hatten und ich zum ersten Mal den Blick durch die Arena schweifen ließ, war ich nochmal von der Größe überwältigt. Rang um Rang füllte sich, die Luft war erfüllt von Vorfreude und Nervosität. Vorne in der Mitte wartete die Bühne in stimmungsvolles Licht getaucht. Riesige Leinwände sorgten dafür, dass auch die oberen Ränge jede Mimik mitbekommen würden. Mit Abubakar Salim hatte Critical Role außerdem einen Gastgeber gewählt, der mir zwar unbekannt war, aber perfekt passte: Ein Londoner, sichtlich selbst Fan, der die Halle mit seiner Herzlichkeit und seinem Humor im Handumdrehen auf seine Seite brachte.

Dann gingen die Lichter aus. Als Laura Bailey, Taliesin Jaffe, Ashley Johnson, Liam O’Brien, Marisha Ray, Sam Riegel, Travis Willingham und schließlich Matt Mercer die Bühne betraten, tobte die gesamte Arena. Die komplette Critical Role Besetzung war live vor einem auf der Bühne: Allein dieser Anblick war für mich schon den Eintritt wert. Und dann, als Matt hinter seinem Spielleiterschirm Platz nahm und zu erzählen begann, wurde es plötzlich mucksmäuschenstill.
“Red Moon Requiem” hieß das Abenteuer des Abends; gespielt mit den Charakteren der ersten Kampagne. Der Schatten von Predathos ist verblasst, Exandria befindet sich im Umbruch, und mitten in diese unsichere Zeit hinein ist eine Gottheit wiedergeboren worden, als Kind, verletzlich und begehrt. Als eine geheimnisvolle Fraktion es entführt, finden die Helden von Vox Machina noch einmal zusammen und folgen der Spur bis auf Ruidus, den roten Mond. Ich will an dieser Stelle nicht mehr verraten, denn die Aufzeichnung kommt erst noch zu Beacon und Youtube. Nur so viel: Die Geschichte dreht sich um eine überaus interessante Kernfrage, über die man lange diskutieren kann (was der Cast auch getan hat); ein Anschauen lohnt sich!
Ich habe während der Show irgendwann aufgehört, einfach nur Zuschauer zu sein. Ich war mittendrin. Genau hier haben die Menschenmassen ihr Übriges getan. Allein vor dem Bildschirm fiebert man mit, keine Frage. Aber wenn bei einer Natural 20 tausende Personen gleichzeitig aufjubeln und wenn eine gescheiterte Probe ein kollektives, gequältes Stöhnen auslöst, dann ist das ein sehr intensives Erlebnis.
Einige Tage später hallt der Abend “Red Moon Requiem” noch immer in mir nach. Ich kann es kaum erwarten, die Aufzeichnung bei Beacon zu sehen. Wer jemals die Chance hat, eine dieser Live-Shows zu besuchen: Tut es!

