Während meinem Lehrgang bei der Schule des Schreibens und zuletzt bei den Absagen der ersten Verlage, habe ich mir die Frage gestellt: Was wäre, wenn ich das alles selbst mache? Und zwar nicht Print on Demand, bei dem ein Dienstleister jedes Buch erst druckt, wenn es bestellt wird, sondern der echte Selbstverlag. Eigene Auflage, eigene ISBN, und das Buch steht am Ende im Regal einer richtigen Buchhandlung. Klingt romantisch. Klingt ganz nett. Aber es ist vor allem eines: Ein Gewerbe. Und je tiefer ich in die Recherche eingestiegen bin, desto mehr Respekt habe ich vor diesem Weg bekommen. Daher will ich in dieser Woche mal ein paar Worte darüber verlieren.
Der zentrale Unterschied zum klassischen Selfpublishing über Distributoren: Im Selbstverlag gibt es niemanden, der zwischen mir und dem Markt steht. Man trägt die Kosten für Herstellung und Vertrieb komplett selbst. Man muss also in Vorkasse gehen. Investieren in Lektorat und Korrektorat, Coverdesign, Buchsatz, Druck, Lager, …. Dazu kommen formale Posten, an die man zuerst gar nicht denkt: ISBNs kaufen (einzeln um die 90 Euro), der kostenpflichtige Eintrag ins Verzeichnis lieferbarer Bücher (VLB) samt Jahresgebühr, Pflichtexemplare an die Deutsche Nationalbibliothek und die Landesbibliothek. Und natürlich eine Gewerbeanmeldung.
Finanziell der größte Brocken wäre nach meinen Recherchen der Auflagendruck. Der ist pro Exemplar zwar deutlich günstiger als Print on Demand (ein Taschenbuch kann bei einer Auflage ab ein paar hundert Stück auf wenige Euro pro Exemplar kommen), aber das Geld ist natürlich erst einmal weg. Bei 500 Exemplaren stehen schnell einige tausend Euro auf dem Spiel. “Kapitalbindung” oder auch: Man wettet mit dem eigenen Ersparten darauf, dass sich das eigene Buch verkauft.
Als nächstes stellt sich die Frage, wie das Buch denn dann überhaupt in den Handel kommt. Der Weg führt z.B. über den Buchgroßhandel bzw. Zwischenhändler (auch Barsortiment genannt). Die drei großen Buchgroßhändler sind wohl Libri, Zeitfracht und Umbreit. Einschlägige Ratgeber schreiben: Wer dort eine Lieferantenvereinbarung ergattert (was als Ein-Personen-Verlag nicht selbstverständlich ist), dessen Buch kann jede Buchhandlung in Deutschland bequem ordern. Der Preis dafür: Der Großhandel verlangt in der Regel rund 50 Prozent Rabatt auf den Nettoverkaufspreis. Und bezahlt wird wohl nicht unüblich mit Zahlungszielen von 60 bis 90 Tagen. Man liefert also, wartet ein Vierteljahr auf sein Geld und hofft, dass die Rechnung pünktlich beglichen wird.
Alternativ klappert man Buchhandlungen direkt ab. Da sind die Rabatte mit 25 bis 40 Prozent etwas freundlicher. Dann ist man aber selbst der Vertreter, der entsprechend Zeit aufbringen muss. Für mich sehr unrealistisch.
Der Teil, der mich am meisten ernüchtert hat, dass Buchhandlungen Bücher nur selten fest einkaufen. Stattdessen läuft es meist auf eines von zwei Modellen hinaus, die zumindest ich bisher nur als Kunde von Getränkefachhandeln kannte, wenn man mal eine Feier organisiert: Kommision und Remission.
Kommission bedeutet: Die Buchhandlung stellt die Bücher ins Regal, bezahlt aber erst, wenn tatsächlich etwas verkauft wird und behält dafür eine Spanne von grob 25 bis 35 Prozent. Was nach ein paar Monaten nicht weg ist, bekommt man zurück. Das klingt zunächst fair, bedeutet aber: Die Buchhandlung trägt null Risiko, man selbst trägt alles. Die Bücher sind gedruckt und bezahlt, stehen monatelang im Laden, und am Ende kommt womöglich die halbe Lieferung wieder zurück.
Remission bzw. Kauf mit Remissionsrecht bedeutet: Die Buchhandlung kauft die Bücher zwar ganz normal an, darf unverkaufte Exemplare aber nach einer vereinbarten Frist zurückgeben. Und dann muss man den Einkaufspreis erstatten. Geld, das man längst eingenommen und vielleicht schon wieder ausgegeben hat, etwa für den Nachdruck (was zugegebenermaßen recht blauäugig wäre).
Was nach meiner kurzen Überschlagsrechnung da übrig bleibt, ist pro Exemplar oft nicht mehr, als ein Verlagsautor an Tantiemen bekommt. Nur dass man dafür Buchhalter, Lagerist, Vertriebler und Mahnwesen in Personalunion ist. Und natürlich auf dem Risiko sitzt.
Was habe ich aus den Erkenntnissen mitgenommen? Es gibt Autorinnen und Autoren, die das erfolgreich machen, mit Farbschnitt, Special Editions und treuer Leserschaft. Aber die betreiben ein Unternehmen, keinen “Feierabend-Traum”. Für mich heißt das erst einmal: Das Manuskript geht weiter den klassischen Weg. Aber ich schaue tatsächlich mit anderen Augen in die Regale einer Buchhandlung.
Nächste Woche gibt es voraussichtlich wieder einen Auszug aus “Purpur und Leere”!
Euch einen schönen Sonntag und einen guten Start in die Woche!
