Schöner Lügen

Jemand sagt einen Satz und auf einmal sieht man ein zweites Gesicht hinter dem ersten. Eben noch hätte man für diesen Menschen die Hand ins Feuer gelegt, und plötzlich fragt man sich, ob er einen die ganze Zeit an der Nase herumgeführt hat. Jeder, der schonmal an einem Social Deduction Game teilgenommen hat, kennt das Gefühl.

Für alle, denen der Begriff nichts sagt: Social Deduction Games (sinngemäß: Spiele der sozialen Schlussfolgerung), funktionieren fast immer nach demselben Grundprinzip. Eine kleine Gruppe kennt die Wahrheit und gibt sich nach außen ahnungslos, der große Rest tappt im Dunkeln und versucht, die Verborgenen durch Reden, Beobachten und Abstimmen zu enttarnen. Gewürfelt wird quasi nie, gewonnen wird über Gespräche, Verdacht und das richtige Gespür dafür, wer hier gerade lügt.

Angefangen hat es bei mir vor ein paar Jahren mit vereinzelten Runden “Werwolf”. Das Spiel ist älter, als es wirkt. Erdacht hat es 1986 ein Psychologiestudent in Moskau, zunächst unter dem Namen “Mafia”, im Grunde als Versuchsanordnung über eine informierte Minderheit gegen eine ahnungslose Mehrheit. Erst gut zehn Jahre später wurden die Regeln zu dem Werwolf, das man heute kennt und in vielen Varianten kaufen kann.

Eine Stufe komplexer wurde es mit “Secret Hitler”, bis heute mein Liebling unter den schlankeren Vertretern des Genres. Man sitzt nicht mehr in einem Märchendorf, sondern im Reichstag der späten Weimarer Republik, schiebt Gesetze über den Tisch und versucht herauszufinden, wer auf der liberalen Seite steht und wer insgeheim für die andere arbeitet. Das Schöne ist, dass man fast nie sicher weiß, ob ein Mitspieler einen gerade belügt oder selbst belogen wurde, weil die entscheidende Information so geschickt durch die Hände wandert. Man verdächtigt, rechtfertigt sich, schmiedet Bündnisse, die zwei Züge später wieder zerfallen. Das macht großen Spaß.

Und dann durfte ich zuletzt zweimal bei “Blood on the Clocktower” mitspielen (zuvor hatte ich nur eine größere Runde auf Youtube mal dabei zugeschaut), und das hat für mich alles verändert. Es nimmt alles, was ich am Genre mag, und räumt dann die zwei Dinge weg, an denen mich die schlankeren Spiele immer ein bisschen gestört haben. Das erste ist der Tod: Bei Werwolf ist man raus, wenn man früh erwischt wird. Karte ablegen und zuschauen. “Blood on the Clocktower” macht das anders: Wer stirbt, bleibt im Spiel. Man verliert seine Fähigkeit und darf selbst keine Verdächtigen mehr nominieren, aber man hat noch eine einzige Stimme für den Rest der Partie, um an Abstimmungen teilzunehmen. Mitdiskutieren und reden darf man aber auch weiterhin. Damit ist der ganze Frust des frühen Ausscheidens weg, und aus dem Tod wird eine knappe Ressource, mit der man haushalten muss.

Das zweite ist die zusätzliche Komplexität. Statt eines klassischen Spielleiters gibt es einen Erzähler, der das Geschehen aktiv mitformt. Vor sich hat er sein Grimoire, eine Art aufgeklapptes Tableau mit den Rollen, Zuständen und Geheimnissen aller Spieler, und aus diesem Wissen heraus entscheidet er ständig mit. Denn die Hinweise, die man nachts zugeflüstert bekommt, stimmen nicht zwangsläufig. Man kann betrunken sein, ohne es zu wissen, man kann vergiftet sein und falsche Informationen erhalten, eine andere Figur kann die Wahrheit verdrehen, bevor sie überhaupt bei einem ankommt. Auf einmal stellt sich eine zusätzliche Kernfrage: Sagt mein Gegenüber mir die Wahrheit, und stimmt überhaupt das, was er selbst für die Wahrheit hält? Und weiter: Kann ich meinen eigenen Infos eigentlich trauen?

Dazu kommt, dass jede Rolle eigen ist und auf festen Skripten zusammengestellt wird, mit etwa so schönen Namen wie “Trouble Brewing” für den Einstieg. Jede Figur bringt ihre eigene kleine Mechanik mit, und im Zusammenspiel entstehen Konstellationen, die sich nie zweimal gleich anfühlen.

Meine bisher größte Runde war vergleichsweise klein: Sechs Leute. Aber auch das war schon richtig gut. Ein scharfes kleines Kammerspiel. Aber “Blood on the Clocktower” ist erkennbar für mehr gebaut. Offiziell geht es bis zwanzig Spieler, und mit den Reisenden (flexible Gastrollen für Leute, die später dazukommen oder früher gehen müssen) wird die Tafel noch voller. Was ich gerne mal mitmachen würde: Eine angemietete Lokalität mit mehreren Räumen und zwanzig oder mehr Leute, die sich gegenseitig belauern, ein Erzähler, der über allem sitzt und die Fäden in der Hand hält.

Wenn jemand eine Runde mit zwanzig Leuten plant, dann wisst ihr ja, wo ihr mich findet :D.