Schreibtagebuch – KW25/2026

Letzte Woche habe ich euch Kell vorgestellt. Diese Woche möchte ich die Gegenprobe machen, denn ein einzelnes Kapitel sagt noch nichts über das, was mir an dieser Novelle eigentlich am wichtigsten ist: Der Wechsel. An “Purpur und Leere” saß ich diese Woche weiter jeden Abend mindestens 1 Stunde. Das Tagesziel hält also noch.

Damit der Gedanke des Perspektivwechsels klarer wird, hänge ich diesmal nicht einfach irgendeinen Textauszug an, sondern das Gegenstück zu letzter Woche. Kell habt ihr mitten aus seinem Alltag erlebt und heute bekommt ihr Seras Alltag. Das ist absichtlich so gebaut, dass die beiden Kapitel sich spiegeln.

Was mich diese Woche handwerklich beschäftigt hat, ist eine Sorge, die direkt daraus folgt: Zwei Charaktere so klar gegeneinander zu setzen, ist schön, aber es birgt die Gefahr, dass man es übertreibt. Dass das einfach zur billigen Masche wird. Sera darf nicht zur frostigen Streberin schrumpfen und Kell nicht zum wortkargen Klischee-Mechaniker. Sonst bleiben sie ziemlich stumpf bzw. eindimensional. Mal schauen, wie ich das noch angehen werde.

Die nächste Woche bestreite ich, wie sich das inzwischen eingespielt hat: Weiter an der Novelle schreiben und ruhig auf die Agentur warten (deren Rückmeldung im Laufe des Monats kommen soll). Allerdings sind die nächsten zweieinhalb Wochen beruflich wie privat sehr ereignisreich. Mal schauen, wie das wird. Dieses Wochenende war ich schonmal auf einer Tagestour in den Niederlanden (das erklärt auch das Titelfoto diese Woche).

Euch einen schönen Sonntag, und viel Freude mit Sera!



Sera kniete im inneren Ring der Übungshalle, die Handflächen einen Fingerbreit über der kalten Steinplatte, und ließ die Energie durch sich hindurchfließen wie Wasser durch ein zu enges Rohr. Vor ihr lag ein Klumpen rohen Eisens, nicht größer als eine Faust, schwarz und stumpf. Sie atmete, wie man es ihr beigebracht hatte: Nicht in die Brust, sondern in den Bauch, in die Knochen, dorthin, wo das Viol ansetzte. Die Luft begann nach Kupfer zu schmecken. Ein Summen stieg in ihren Zähnen auf, ein Pulsieren hinter den Augen, und das vertraute violette Licht brach aus ihren Fingerspitzen, erst zaghaft, dann stetig, bis es den Eisenklumpen in einen leichten Schein tauchte.

Wandlung, dachte sie. Nicht zwingen. Überreden.

Das Eisen wurde weich. Aber nicht heiß. Das war der Fehler der Anfänger, die das Metall einfach zum Schmelzen brachten und glaubten, sie hätten etwas geleistet. Sera überredete die Struktur des Stoffes, sich zu ändern, Faser um Faser, vom Schwarz des Erzes zum matten Glanz von gehämmertem Silber. Es dauerte sieben Atemzüge. Beim achten öffnete sie die Augen, und vor ihr lag eine kleine, vollkommene Schale aus Silber, dünnwandig, an den Rändern fein gewellt, als hätte ein Handwerker eine Woche daran gearbeitet.

Hinter ihr atmete jemand aus. “Wieder einmal”, sagte Proktorin Senn, “machst du es den anderen schwer.”

Sera erhob sich, und das Blut sackte ihr für einen Moment aus dem Kopf. Sie war zu lange gekniet, hatte zu lange gewirkt, das wusste sie selbst. Sie zog den weiten Ärmel ihrer violett gesäumten Robe tiefer über den rechten Unterarm, eine Bewegung, die ihr längst in Fleisch und Blut übergegangen war. Dort, unter dem Stoff, hatte sich seit dem Frühjahr ein feines Geäder gebildet, violett wie verdünnte Tinte unter der Haut, und es war im letzten Monat nicht kleiner geworden. Die anderen Schüler hatten so etwas erst nach Jahren. Sie hatte es nach Monaten. Es war der Preis dafür, dass das Viol ihr gehorchte. Und es war eine Rechnung, die sie irgendwann würde nicht mehr bezahlen können.

“Sie sagen das, als sei es ein Vorwurf, Proktorin.”

“Es ist eine Beobachtung.” Senn trat in den Ring, eine schmale, aufrechte Frau mit grauem Haar und einem Gesicht, das selten verriet, was dahinter vorging. Sie nahm die Silberschale, drehte sie im Licht der Bogenlampen, prüfte die Wandstärke mit dem Daumennagel. “Sauber. Geduldig. Du hast nicht geschmolzen, du hast verwandelt. Die meisten verstehen den Unterschied nie.” Sie stellte die Schale ab. “Geh sparsamer mit dir um, Sera. Das Viol gibt dir, was du willst. Es nimmt sich nur Zeit, dich dafür zu holen.”

Es war so nah an dem, was Sera selbst dachte, dass sie für einen Moment fürchtete, Senn könne ihren Arm sehen. Aber die Proktorin hatte sich bereits abgewandt und klatschte zweimal in die Hände. “Genug für heute. Reinigt eure Ringe. Abendgebet in einer Stunde.”