Bericht der Station Kassander
Das Zimmer roch nach einer Mischung aus Schimmel und kaltem Tee. Letzteren hätte Maro Tölke gerne gegen einen Schluck von etwas Stärkerem getauscht. Sie hatten ihn in das obere Stockwerk des Hafenamts von Schirrwindt gebracht, in einen Raum, den seit dem Sommer niemand mehr geheizt hatte. Durch die hohen Sprossenfenster fiel ein schwaches Licht. Er blickte auf die helle, milchige Wand des Nebels, der draußen über dem Becken stand und alle Konturen schluckte. Irgendwo da hinter dem Weiß lag der Kai. Irgendwo dahinter lag, das wusste er, die Schwadenbrecher I, vertäut und still.
Die beiden Gesandten saßen mit dem Rücken zum Fenster, sodass das fahle Licht hinter ihnen stand und ihre Gesichter im Halbschatten ließ. Das war kein Zufall, dachte Tölke. Leute aus Dynastadt taten nichts ohne Berechnung.
Die Frau war älter, als ihre aufrechte Haltung vermuten ließ. Sie trug den hohen Kragen der Tüftlergilde geschlossen bis zum Hals, an dem eine kleine Messingbrosche in Form eines Zahnrads saß, blank gewetzt von Jahren des Daranreibens. Ihre Hände lagen flach auf einer ledernen Mappe, die sie nicht öffnete. Sie öffnete sie das ganze Gespräch über nicht ein einziges Mal. Das machte Tölke nervös.
Der Mann neben ihr war jünger, glattrasiert, mit der Art von Sauberkeit, die nur Leute pflegen, die noch nie länger als einen Tag auf See oder im Hafen gewesen sind. Er hatte eine Schreibfeder und ein Tintenfass vor sich aufgebaut und betrachtete Tölke, als wäre dieser ein Bauteil, dessen Funktion sich ihm noch nicht erschlossen hatte.
„Setzen Sie sich”, sagte die Frau.
Tölke setzte sich. Der Stuhl knarrte.
„Mein Name ist Halsedt. Erste Prüferin der Kammer für ungeklärte Verluste. Das ist Prüfer Vorn.” Sie machte eine winzige Pause. „Wir sind drei Tage gereist, um mit Ihnen zu sprechen. Und ich hoffe, dass diese Zeit nicht verschwendet war.”
„Dann fragen Sie”, sagte Tölke. Seine Stimme klang heiserer, als er beabsichtigt hatte. Er räusperte sich und legte die Hände um die kalte Teetasse. Vorn tauchte die Feder ein und bewegte sie dann kratzend über das Papier.
„Wann ist die Schwadenbrecher I ausgelaufen?”, fragte Halsedt.
„Am Neunzehnten. Bei Tagwende, mit der ablaufenden Strömung.” Tölke sah auf seine Hände hinab. „Sie war voll bebunkert. Viol für vierzig Tage. Das weiß ich, weil ich die Tanks selbst gefüllt habe. Vierzig Tage; ich habe genau protokolliert, was hineinging.”
„Das ist eine lange Fahrt für eine Forschungsmission”, räumte Halsedt ein.
„Es war eine lange Fahrt geplant. Sie wollten in den Dunst hinein. Nicht am Rand entlang, wie es andere oft tun. Hinein! Bis dorthin, wo die Lotglocke kein Echo mehr zurückbekommt. Wo es keine Karten gibt, weil noch nie jemand, der welche gezeichnet hat, zurückgekommen ist. Verstehen Sie?”
Vorn hob den Blick. „Und Sie hielten das für eine kluge Idee?”
„Ich bin Maschinist. Ich halte die Tanks dicht und die Kessel warm. Ob eine Idee klug ist, entscheiden andere.” Tölke sah ihn an, bis der jüngere Mann wieder zu seinem Papier zurückkehrte. „Aber wenn Sie mich fragen … nein. Niemand auf der Kassander hielt das für klug. Wir haben sie auslaufen sehen und mit den Köpfen geschüttelt.”
Halsedt rührte sich nicht. „Erzählen Sie mir, was dann geschah.”
Tölke holte tief Luft. Der Tee in seiner Tasse hatte sich mit einem dünnen Film überzogen. „Neun Tage später kam sie zurück. Meine Zeit auf der Kassander-Station war vorbei und ich war wieder hier in Schirrwindt. Da tauchte sie plötzlich hier auf.”
Die Feder hielt inne. In der Stille hörte man das dumpfe Tropfen von Regen gegen das Fenster.
„Neun Tage”, wiederholte Halsedt.
„Wir hatten sie auf der Lotglocke, einen halben Tag bevor man sie sehen konnte. Ein sauberes Echo, schnurgerader Kurs auf die Station, als säße der beste Steuermann der Gilde am Ruder.” Tölke leckte sich über die trockenen Lippen. „Wir haben die Bogenlampen gesetzt. Wir haben die Nebelhörner gehen lassen. Und wir haben gerufen, bis uns die Stimmen wegblieben. Keine Antwort. Kein Funk. Nicht eine einzige Lampe an Bord brannte. Und trotzdem kam sie weiter, immer geradeaus, und legte sich an die Kaimauer, als hätte sie das schon tausendmal getan.”
„Und die Tanks”, sagte Halsedt leise.
„Leer.” Tölke sah ihr zum ersten Mal direkt in die Augen. „Viol für vierzig Tage. Verbraucht in neun. Ich habe mit eigenen Händen den Hahn aufgedreht, Prüferin, und nichts kam. Nicht ein Tropfen. Sagen Sie mir, wie ein Schiff in neun Tagen verbrennt, wofür es vierzig braucht. Sagen Sie es mir, und ich schlafe heute Nacht zum ersten Mal seit Wochen wieder durch.”
Vorn beugte sich vor. „Es gibt Strömungen im Dunst, die ein Schiff zurücktreiben können, eventuell mussten sie mehr verbrauchen, damit der Antrieb…”
„Da war niemand an Bord, der den Antrieb hätte bedienen können”, sagte Tölke, und seine Ruhe brach an dieser Stelle zum ersten Mal auf, ein feiner Riss in seiner Stimme. „Das ist es ja! Das Schiff kam zurück. Die Mannschaft nicht.”
Halsedt ließ die Worte einige Sekunden im Raum stehen.
„Wer ging als Erster an Bord?”, fragte sie schließlich.
„Mein Bruder”, antwortete Tölke.
„Derselbe Name”, sagte Vorn und sah auf sein Papier. „Tölke. Sie sind…”
„Brückenmeister Eddo Tölke ist mein älterer Bruder. Er sagte, das sei reine Routine. Ein Geisterkahn, abgetrieben, halb so wild. Er hat gelacht, als er über die Reling stieg. Ich habe sein Lachen immer noch im Ohr”, führte Tölke aus. Niemand sagte etwas. Draußen verschob sich der Nebel und für einen Moment wurde das Licht im Zimmer eine Spur heller, dann wieder matt.
„Das Deck war nass”, fuhr er fort, leiser und mit abgesenktem Blick, so als würde er zu sich selbst sprechen. „Nicht vom Seewasser. Etwas Feineres lag darauf, ein Niederschlag, der violett und gräulich schimmerte, wenn das Licht ihn streifte. Wie Nebel, der sich auf kaltem Eisen niedergelassen hat und dort nicht mehr weggeht. Er klebte an Eddos Stiefeln. Eddo sagte, es rieche nach gar nichts.”
„Und die Logbücher?”, fragte Halsedt.
Tölke hob den Kopf. Etwas in ihrer Stimme hatte sich verändert; eine Schärfe, die verriet, dass sie das Wesentliche bereits ahnte und noch hören wollte, ob er es ebenso sah.
„Aufgeschlagen auf dem Kartentisch”, sagte er. „Vierzig Tage Eintragungen, Prüferin. Sauber datiert, Tag für Tag, vom Neunzehnten an. Vierzig volle Tage Bordlogbuch.” Er schluckte. „In neun Tagen geschrieben.”
Vorn öffnete den Mund. Halsedt hob, ohne ihn anzusehen, zwei Finger von der Mappe, und der jüngere Mann schwieg.
„Die letzten Seiten”, sagte Tölke, „waren immer dieselbe Zeile. Wieder und wieder. Von verschiedenen Händen geschrieben. Man sah es an der Schrift. Mal steil, mal rund, mal zittrig. Als hätten sie sich am Tisch abgelöst, einer nach dem anderen, und jeder hätte dieselbe Zeile dazugesetzt.” Er machte eine kurze Pause. „Bis zur letzten Seite. Da ging die Schrift in etwas über, das keine Schrift mehr war. Nur noch Linien, Ringe, geometrische Formen. Immer dicker, bis das Papier durchgedrückt war.”
Die Prüferin Halsedt sah ihn lange an. Das fahle Licht lag auf der Messingbrosche an ihrem Hals und ließ das kleine Zahnrad matt aufleuchten.
„Was”, sagte sie endlich, „stand in der Zeile?”
Und Tölke, Maschinist der Offshore-Station Kassander, öffnete den Mund, um es ihr zu sagen. Und merkte in diesem Augenblick, dass er sich an kein einziges Wort davon erinnern konnte. Er wusste, dass er die Zeile gelesen hatte. Er wusste, dass er sie verstanden hatte. Er wusste sogar, dass sie ihm gefallen hatte, auf eine Weise, die ihm jetzt das Blut in den Adern gefrieren ließ. Aber die Worte waren fort, sauber herausgeschnitten aus seinem Kopf, so wie das Viol aus den Tanks verschwunden war: Restlos, und ohne eine Spur, wohin.
Bordbegehung
„Der Mann lügt nicht. Das ist das Beunruhigende. Morgen gehen Vorn und ich an Bord. Er hält es für Aberglauben von Seefahrern. Vorn war noch nie im Dunst.”
Am Rand der Mappe, in der Handschrift der Ersten Prüferin Halsedt, später hinzugefügt.
Bei Tagwende war die Ebbe gekommen. Trotzdem wollte der Nebel nicht so recht verschwinden. Er lag jetzt so dicht über dem Becken von Schirrwindt, dass Halsedt das Ende des Stegs nicht sehen konnte. Die Planken unter ihren Stiefeln waren feucht und gaben unter jedem Schritt einen Laut von sich. Hinter ihr atmete Vorn schwer. Er hatte die Unterlagen heute selbst getragen, was sie ihm nicht verwehrt hatte; ein Mann, der etwas in den Händen hält, fragt weniger.
Dann trat das Schiff aus dem Nebel. Eben noch war da nur Weiß gewesen, und dann stand der Rumpf der Schwadenbrecher I vor ihnen, hoch und dunkel und vollkommen reglos, ohne das leiseste Schaukeln, das ein vertäutes Schiff dem Wasser sonst abringt. Sie lag im Becken wie etwas, das man auf einen Tisch gelegt hatte. Die Fender quietschten nicht. Die Trossen hingen straff und schwarz von Nässe.
Halsedt blieb am Fuß der Gangway stehen und sah hinauf an den Bug. Der Name war in geschwungenen Lettern aufgemalt, und dahinter, kleiner, die Ziffer.
„Eins”, sagte sie.
Vorn kam neben sie. „Wie meinen Sie?”
„Schwadenbrecher Eins.” Sie sprach es langsam aus. „Man nummeriert kein Schiff, von dem es nur eines gibt, Vorn. Eine Eins setzt eine Zwei voraus oder zumindest das Wissen, dass man eine brauchen wird.”
Vorn schwieg. Über ihnen verlor sich der Mast irgendwo im Nebel, ohne ein oberes Ende zu finden. Das Deck war so, wie es der Tölke-Bruder beschrieben hatte. Der violette Niederschlag lag überall, ein feiner, schimmernder Film, der sich an die Naht jeder Planke schmiegte und im trüben Licht matt aufglomm, wo ihr Schatten ihn nicht traf. Halsedt zog einen Handschuh aus und berührte ihn mit der Fingerkuppe. Er war kühl und trocken und doch fühlte er sich an wie etwas Lebendiges, das sich für einen Moment ganz still hielt. Sie roch an ihrer Fingerspitze. Nichts. Kein Salz, kein Öl, kein Viol, nicht einmal Fäulnis.
„Schreiben Sie auf”, sagte sie leise. „Niederschlag vorhanden. Geruchlos. Trocken trotz sichtbarer Feuchte.”
„Und es ist still”, flüsterte Vorn.
„Schiffe sind oft still”, erwiderte Halsedt.
„Nein.” Er schüttelte den Kopf. „Hören Sie doch. Die Stadt. Wir sind keine hundert Schritte vom Kai entfernt. Die Glocke der Kapitänei, die Möwen, irgendwas müsste man doch hören.”
Halsedt hörte hin. Er hatte recht. Der Nebel um das Schiff fraß nicht nur das Licht. Sie ging weiter, dem Aufbau entgegen, und ihre eigenen Schritte waren das einzige Geräusch, was sie gerade hörte.
Die Tür zur Kartenkammer stand offen. Drinnen war es dunkler, und der Niederschlag lag dichter. Das Logbuch lag aufgeschlagen auf dem Kartentisch, genau wie es ihr beschrieben worden war. Halsedt zündete die kleine Viollampe an ihrem Gürtel, und der Docht fing schwer Feuer, widerwillig, als zehrte etwas im Raum an der Flamme. In ihrem Schein blätterte sie zurück, an den Anfang.
Tag eins. Ausgelaufen bei Tagwende. Kurs Nordnordost in den Dunst. Stimmung an Bord zuversichtlich.
Eine ruhige, gebildete Hand. Sie las weiter, überflog Tage, Wassertiefen, Lotungen ohne Echo. Bis zum siebten Tag las es sich wie das Tagebuch jeder Expedition, die je in den Dunst gefahren war. Bis auf einen einzigen Eintrag, der sie innehalten ließ.
Tag vier. Die Dunstgänger sagen, wir sind tiefer als alle vor uns. Tiefer als die Vorhaben Drei und Sieben. Sie sagen es, als sei es ein Trost.
Halsedt hielt die Lampe ruhig. Sie las den Satz ein zweites Mal.
Tiefer als die Vorhaben Drei und Sieben.
Sie war drei Tage gereist, um den Verlust eines Schiffes zu untersuchen. Niemand in Dynastadt hatte ihr von einem Vorhaben Drei berichtet. Niemand von einem Vorhaben Sieben.
„Vorn”, sagte sie, ohne sich umzudrehen. „In unserem Auftrag, wie wird das Schiff darin bezeichnet?”
Hinter ihr raschelte Papier. „Schwadenbrecher I”, sagte Vorn schließlich. „Und … hier, am Rand, ein Aktenzeichen der Kammer. V-IX.” Eine Pause. „Neun, Erste Prüferin.”
Sie schloss die Augen. Vorhaben Neun. Sie selbst trug es in der Mappe und hatte es für eine Registriernummer gehalten. „Das ist mehr als der Verlust einer einzelnen Schiffsmannschaft”, sagte sie leise, mehr zu sich als zu ihm.
Sie blätterte weiter, schneller jetzt, und der ruhige Ton der Einträge begann zu bröckeln. Der achte Tag bestand noch aus ganzen Sätzen. Der neunte zerfiel. Und dann kamen die Seiten, vor denen der Tölke-Bruder zurückgewichen war.
Dieselbe Zeile. Wieder und wieder, von Hand zu Hand wandernd, mal steil, mal rund, mal mit Fingern geschrieben, die kaum noch die Feder hielten. Halsedt beugte sich darüber, und das Licht der Viollampe fiel schräg in die Rillen, die das Schreibzeug ins Papier gedrückt hatte, und sie las die Zeile, die in jeder Handschrift dieselbe war. Ein Windstoß schlug die Tür der Kartenkammer zu, und die Flamme an ihrem Gürtel erlosch, und für die Dauer eines Herzschlags war Halsedt allein im Dunkeln mit dem geöffneten Buch und dem geruchlosen Niederschlag und der Gewissheit, dass das, was sie eben gelesen hatte, sich bereits in ihr festsetzte wie ein Haken unter der Haut.
Dann brannte die Lampe wieder.
Sie schlug das Logbuch zu. Sie ließ es nicht im Schiff. Das, würde sie später in ihrem Bericht schreiben, sei ein Verstoß gegen das Bergungsprotokoll gewesen, und sie übernehme dafür die volle Verantwortung.
In Wahrheit hatte sie es genommen, weil sie den Gedanken nicht ertrug, dass die Zeile hier draußen im Dunst weiter darauf wartete, gelesen zu werden.
Die Gesandten
„[…] ist mein Befund, dass an Bord der Schwadenbrecher I kein Hinweis auf Gewalt, Meuterei oder Havarie vorliegt. Die Mannschaft ist nicht umgekommen. Sie ist nicht mehr da. Das ist nicht dasselbe, und ich bitte die Kammer, den Unterschied ernst zu nehmen. […] Ich ersuche ferner um Einsicht in die Akten der Vorhaben Drei und Sieben, deren Existenz mir bei Übernahme dieses Auftrags nicht mitgeteilt wurde. Sollte es sich erweisen, dass die Kammer von einem Muster wusste, bevor sie die Schwadenbrecher I und ihre Besatzung auslaufen ließ, so wird das in meinem Schlussbericht stehen, gleichviel, wem es missfällt.”
Aus dem Bericht der Ersten Prüferin Halsedt an die Kammer für ungeklärte Verluste, Tüftlergilde zu Dynastadt.
„Akten Drei und Sieben existieren nicht. Ihr Auftrag betrifft Vorhaben Neun. Stellen Sie weitere Anfragen ein. — Die Kammer.”
Auf dem Rückläufer aus Dynastadt, in fremder Hand.
Wenko Marb führte das Rasthaus „Zur halben Meile” seit dreißig Jahren, und in dreißig Jahren hatte er gelernt, einen Gast schon an der Art zu erkennen, wie er die Tür öffnete. Müde Fuhrleute stießen sie auf. Kaufleute drückten. Vornehme Reisende warteten, dass jemand sie ihnen öffnete.
Die beiden, die in dieser Nacht kamen, öffneten sie gar nicht. Sie standen plötzlich in der Gaststube, und die Tür hinter ihnen war zu, und Marb hätte schwören können, dass er die Klingel nicht gehört hatte, die seit dreißig Jahren über jedem Eintritt schepperte.
Es waren ein Mann und eine Frau, das nahm er an, denn genau ließ es sich nicht sagen. Sie trugen den gedeckten, gut geschnittenen Reisemantel von Leuten, die nirgends auffallen wollen, und an keinem Faden, an keiner Schnalle war etwas zu sehen, das verriet, woher sie kamen. Nur ein feiner, violetter Schimmer lag auf den Schultern ihrer Mäntel.
„Wir suchen zwei Gäste der Tüftlergilde”, sagte die Frau. Ihre Stimme war freundlich und ganz ohne Eile. „Eine Prüferin und ihren Beisitzer. Sie sind heute Abend abgestiegen. Zimmer vier und fünf.”
Marb hatte ihnen die Zimmer vier und fünf gegeben. Er hatte es niemandem gesagt. Es stand im Buch, gewiss, aber das Buch lag hinter dem Tresen, und sie war eben erst hereingekommen.
„Wen darf ich melden?”, fragte er, und es klang weniger fest, als er beabsichtigt hatte.
„Die Akademie”, sagte der Mann.
Sie verlangten kein Zimmer und keinen Wein. Sie setzten sich an den Tisch beim erkalteten Kamin, und sie warteten, und das Warten war das Unangenehmste, das Marb je an einem Gast erlebt hatte. Sie sahen nicht zur Treppe. Sie sahen nicht auf die Tür. Sie saßen einfach da, mit dem ruhigen Gesicht von Leuten, die wissen, dass das, worauf sie warten, ohnehin geschehen wird, und denen die Stunde gleichgültig ist.
Es war die Prüferin, die zuerst herunterkam. Marb kannte sie schon: Halsedt, eine sehnige Frau mit aufrechtem Rücken und einer kleinen Messingbrosche am Kragen, die er für eine kluge, harte Person hielt. Sie war auf halber Treppe stehen geblieben, eine Hand am Geländer, und ihr Blick auf die beiden am Kamin hatte etwas, das Marb erst später einen Namen geben konnte: Es war das Gesicht eines Menschen, der eine alte Schuld an die Tür klopfen hört und genau weiß, wer da steht, bevor er öffnet.
„Erste Prüferin Halsedt”, sagte die Frau am Kamin, ohne sich umzudrehen. „Setzen Sie sich. Holen Sie Ihren Beisitzer. Es geht um Ihre Berichte.”
Halsedt holte Vorn. Der junge Mann war bleich und trug noch die Mappe, die er den ganzen Weg über getragen hatte, an die Brust gepresst, und als er die beiden Fremden sah, blieb er einen Schritt hinter Halsedt stehen wie ein Kind hinter dem Rock seiner Mutter. Marb tat, was Wirte tun, wenn sie spüren, dass sie im Moment nicht mehr gebraucht werden: Er wischte den Tresen, der schon sauber war, und er hörte zu, ohne hinzusehen.
„Sie haben das Logbuch der Schwadenbrecher I an sich genommen”, sagte der Mann. Es war kein Vorwurf. Er stellte es fest, wie man das Wetter feststellt.
„Es ist ein Beweismittel der Kammer.” Halsedts Stimme war fest. Marb bewunderte das.
„Die Kammer hat uns gebeten, die Sache zu übernehmen.” Die Frau zog ein Blatt Papier aus dem Mantel und legte es flach auf den Tisch, und drehte es mit zwei Fingern so, dass Halsedt es lesen konnte. „Eine Übergabe. Ihre Berichte, Ihre Aufzeichnungen, das Logbuch. Alles, was Sie zu Vorhaben Neun zusammengetragen haben.”
Marb sah aus dem Augenwinkel, wie Halsedt das Blatt betrachtete. Er sah, wie sie sehr still wurde.
„Hier steht meine Unterschrift”, sagte sie leise.
„Ja.”
„Aber ich habe nicht unterschrieben.”
„Noch nicht”, sagte die Frau freundlich. „Das macht keinen Unterschied. Sie werden sehen, dass alles seine Richtigkeit hat.”
Und Halsedt sah es. Marb beobachtete, wie sie das Blatt ein zweites Mal las, langsamer, und wie etwas in ihrer aufrechten Haltung nachgab. Sie legte die Mappe auf den Tisch. Vorn wollte sie festhalten; sie nahm sie ihm sanft aus den Händen und schob sie hinüber. Niemand hob die Stimme. Niemand zog eine Waffe. Es war das Höflichste, das Marb je gesehen hatte, und es lief ihm kalt über den Rücken bis in die Fersen.
„Meine Schlussfolgerungen”, sagte Halsedt, „liegen bereits in Dynastadt.”
„Nein”, sagte der Mann, mit dem ersten Anflug von etwas, das man fast für Wärme halten konnte. „Das tun sie nicht. Niemand hat sie je gelesen. Sehen Sie: schon jetzt fällt es Ihnen schwer, sich zu erinnern, was darin stand.”
Und Marb, der zuhörte, ohne hinzusehen, bemerkte, dass auch er sich nicht mehr erinnern konnte, was die Frau vorhin über die zwei Gäste gesagt hatte. Eine Prüferin. Einen Beisitzer. Aber wie hießen sie? Es war ihm eben noch geläufig gewesen.
Die vier gingen hinaus in die Nacht. Marb sah ihnen durch das angelaufene Fenster nach. Vor dem Rasthaus stand eine Kutsche, die er nicht hatte vorfahren hören. Es war kalt genug, dass der Atem der Pferde in weißen Wolken hätte stehen müssen, und Marb sah die Pferde, vier dunkle, kräftige Tiere; aber über ihren Nüstern stand nichts in der kalten Luft.
Die Frau hielt Halsedt den Schlag auf, beinahe zärtlich. Halsedt stieg ein, ohne sich umzusehen. Vorn zögerte einen Atemzug lang, einen einzigen, und blickte zurück zum erleuchteten Fenster des Rasthauses, und Marb hob die Hand, ohne zu wissen, warum. Dann stieg auch Vorn ein, und der Mann schloss den Schlag, und die Kutsche fuhr in die Richtung, aus der sie gekommen war, fort von Dynastadt, hinein in das Dunkel zwischen den Hügeln, wo die Straße sich verlor.
Am Morgen waren die Zimmer vier und fünf leer. Die Betten waren gemacht und ungeschlafen, die Fenster geschlossen, und auf dem inneren Sims jedes der beiden Fenster lag ein feiner, violetter Film, geruchlos und trocken, der sich nicht abwischen ließ, sondern nur verschmierte und am nächsten Tag wieder dort lag.
Marb schlug das Gästebuch auf, um Rechnung zu schreiben, und fand die Zeilen vom Vortag. Zimmer vier. Zimmer fünf. Angereist im Auftrag der Tüftlergilde. Aber wo die Namen hätten stehen müssen, war die Tinte zu hellen Linien und Ringen verblasst, immer enger werdend, als hätte jemand sehr geduldig mit dem Fingernagel darüber gekreist, bis nichts mehr zu lesen war.
Er schloss das Buch. Er schrieb keine Rechnung. Und wenn ihn später jemand fragte – und es fragte ihn niemand, das war das Eigentümliche, niemand kam je, um nach einer Prüferin und ihrem Beisitzer zu fragen -, dann hätte Marb nicht zu sagen gewusst, ob in jener Nacht überhaupt jemand bei ihm abgestiegen war.
Nur den violetten Film auf dem Fenstersims, den wischte er noch Wochen später jeden Morgen weg. Und jeden Morgen lag er wieder da.
Die neunte Nacht
Draußen gab es keinen Himmel mehr und kein Wasser. Es gab nur den Dunst, und der Dunst war hier, außerhalb aller Karten, nicht mehr grau, sondern von einem tiefen, pulsierenden Violett. Er lag um das Schiff. Er lag im Schiff. Er stand zwischen den Planken wie Wasser, das durch ein leck geschlagenes Deck steigt, nur dass nichts nass wurde, sondern sich anfühlte, als legte man die Hand in warme Asche.
Und die Kessel brüllten. Die Kessel brüllten, obwohl niemand mehr Viol einlegte. Lewa hatte selbst nachgesehen. Die Schaufeln lagen unberührt, die Heizer saßen längst oben an der Reling, und trotzdem fraß die Maschine das Viol aus den Tanks. Schneller, immer schneller.
Das war das Unfassbare, das Lewa nicht in das Logbuch bekam, so sehr sie sich auch mühte: Dass es nie ein Sturz war und kein Sprung, kein Schrei, kein Kampf. Die Männer und Frauen, mit denen sie ausgelaufen war, traten an die Reling, wie man abends ans Fenster tritt, um nach dem Wetter zu sehen. Sie sahen hinaus in das Violett. Und auf ihren Gesichtern erschien dann ein Ausdruck… nicht Furcht, nicht Schmerz, sondern ein Erkennen, ein Wiedersehen fast, als hätten sie dort draußen etwas gefunden, das sie ihr Leben lang vermisst hatten.
Der Steuermann ging als Erster. Er ließ das Ruder los, und das Ruder drehte sich von selbst weiter, sanft, auf einen Kurs, den niemand gesetzt hatte. Dann der Kapitän, der noch im Gehen seine Mütze abnahm, höflich, als betrete er ein fremdes Haus. Dann die Heizer, die Dunstgänger, der Schiffsjunge, der Lewa zugelächelt hatte, ehe er über die Reling stieg.
Und jeder von ihnen, bevor er ging, kam zu ihr an den Kartentisch und sagte ihr denselben Satz, damit sie ihn ins Buch schrieb. Sie sagten ihn nicht traurig. Sie sagten ihn, wie man jemandem eine gute Nachricht bringt, die man kaum erwarten kann zu teilen. Und Lewa schrieb. Sie schrieb den Satz in der Handschrift jedes Einzelnen, denn am Ende führten sie selbst die Feder, ihre kalten, ruhigen Finger über ihren, und dann standen sie auf und gingen, und sie blieb zurück mit dem Buch und dem Brüllen der Kessel und dem Satz, der die Seiten füllte.
Sie wehrte sich am längsten. Sie schrieb den Satz so oft, dass die Schrift zu zittern begann, dann zu kreisen. Sie schrieb, um sich an das Schreiben zu klammern, an das letzte, was sie noch tat, das ganz und gar ihr gehörte. Aber der Dunst war warm und gemütlich. Das verschwiegen alle, die ihn fürchteten, dachte sie. Die sprachen vom Verschwinden, vom Verlust, von verborgenen Mächten, und keiner von ihnen sagte das Einzige, das wirklich wahr war: Dass es schön war. Dass es das Ende des Wartens war. Dass man nichts mehr vermissen würde, weil es nichts mehr zu vermissen gab, und dass das, was man dafür hergab, sich anfühlte wie ein Mantel, den man an einem warmen Tag endlich ablegen darf.
Lewa legte die Feder beiseite. Sie las den Satz noch einmal, den sie hundertfach geschrieben hatte, und zum ersten Mal seit neun Tagen lächelte sie. Dann stand sie auf und trat an die Reling, und der Schiffsjunge war schon da, im Violett, und winkte.
Hinter ihr drehte sich das verlassene Ruder ruhig weiter. Die Kessel verstummten, als der letzte Tropfen Viol verbraucht war. Und die Schwadenbrecher I wendete von selbst, nahm Kurs zurück durch den Dunst, der Heimat entgegen, die für niemanden mehr eine war. Sie sollte ein Logbuch überbringen, das vierzig Tage in neun Nächten erzählte, und auf dessen letzten Seiten, in immer enger werdenden Ringen, hundertmal derselbe Satz stand:
