Auf Superhelden-Schicht

Diesen Winter hat sich “Dispatch” von AdHoc (einer Gruppe ehemaliger Telltale Entwickler) als echter Geheimtipp herausgestellt. Bis vergangene Woche hatte ich noch keine Zeit, einen genaueren Blick daraufzuwerfen. Einmal angefangen, habe ich es allerdings die letzten drei Abende durchgesuchtet.

“Dispatch” ist eine spielbare animierte Serie, die mit ihrer visuellen Gestaltung, ihrem herausragenden Voice Acting und einer Story, die einen emotional packt, Maßstäbe setzt. Und das auf eine Art und Weise, die ich nach Telltales Meisterstück “The Walking Dead” nicht mehr für möglich gehalten hätte.

Ich kann es nicht oft genug sagen: Visuell ist “Dispatch” schlichtweg beeindruckend. Die Animationen sind von einer Qualität, die man sonst eher aus hochwertigen Streamingproduktionen kennt. Die Charaktere sind ausdrucksstark, die Umgebungen sind detailreich, und die Actionszenen sind so dynamisch inszeniert, dass man fast vergisst, dass man es mit einem Spiel zu tun hat.

Doch was “Dispatch” aus meiner Sicht fast noch mehr auszeichnet, ist die Kombination aus super Drehbuch und exzellentem Voice Acting. Die Dialoge sind messerscharf, voller schwarzem Humor und gleichzeitig so menschlich, dass man sich schnell in den Charakteren wiederfindet. Die Synchronsprecher (darunter Namen wie Aaron Paul, Laura Bailey, Jeffrey Wright, Travis Willingham und Matthew Mercer) verleihen ihren Figuren eine Tiefe und Authentizität, die selbst in großen Blockbuster-Produktionen selten zu finden ist.

Die vielen Namen aus dem Critical Role Universum sind kein Zufall: Das Studio stand kurz vor der Pleite, als Critical Role ins Spiel kam. Die Partnerschaft mit dem bekannten Entertainment-Netzwerk war nicht nur finanziell rettend, sondern auch künstlerisch bereichernd. Travis Willingham (als CEO von Critical Role) war von den ersten Demos so begeistert, dass er nicht nur als Synchronsprecher einstieg, sondern auch eine langfristige Zusammenarbeit vereinbarte. Critical Role fungierte schließlich als Publisher und half, das Spiel über die Ziellinie zu bringen.

Aaron Paul spricht die Hauptfigur Robert. Der ehemalige Superheld, der nun in einer dysfunktionalen Superhelden-Vermittlungszentrale arbeitet, stiehlt jede Szene, in der er auftritt. Auch die Nebenfiguren sind so gut besetzt und geschrieben, dass man sich tatsächlich für ihr Schicksal interessiert. Die Story selbst ist eine gelungene Mischung aus Action, Drama und absurdem Humor, die einen immer wieder vor moralische Entscheidungen stellt. Und das Schöne daran: Die Entscheidungen fühlen sich relevant an, auch wenn nicht jede Verzweigung die Handlung komplett umkrempelt. Ganz im klassischen Telltale-Stil.

Die Spielmechaniken sind nicht revolutionär, aber perfekt auf das Narrativ abgestimmt. Man übernimmt die Rolle eines Dispatchers, der Superhelden-Teams zu Einsätzen schickt, dabei ihre Stärken, Schwächen und persönlichen Konflikte im Blick behalten muss. Es ist eine Mischung aus Ressourcenmanagement und interaktiver Erzählung, die überraschend fesselnd sein kann. Die Mini-Spiele, in denen man etwa Kameras hackt, lockern das Geschehen auf, ohne jemals aufdringlich zu wirken. Den Großteil der Spielzeit verbringt man zwar am Schreibtisch, aber dank der hervorragenden Inszenierung und des minimalistischen Interfaces fühlt sich das nie langweilig an. Die Story wird wie bei einer Serie in Episodenform erzählt, die (inklusive interaktivem Teil) dreißig bis sechzig Minuten dauern.

Wer nach qualitativ hochwertiger Unterhaltung sucht und abends gerne mal 30-45 Minuten spielen will, für den ist “Dispatch” perfekt. Ich empfehle für einen ersten Eindruck den Trailer (hier klicken).