Jahrelang musste ich auf die finale Staffel von “Babylon Berlin” warten. Seit Donnerstag stehen die acht Folgen in der Mediathek. Ich habe sie verschlungen und ich sitze jetzt hier (es ist Samstagabend als ich den Text hier anfange) und bin aufgewühlt. Die letzten zwanzig Minuten haben mir den Rest gegeben – ein Schlag in die Magengrube, auch wenn man wusste, was kommt.
Die Staffel beginnt am 30. Januar 1933, dem Tag, an dem Hindenburg Hitler zum Reichskanzler ernennt, und sie endet in der Nacht vom 27. auf den 28. Februar, als der Reichstag brennt. Vier Wochen. Was die Serie vier Staffeln lang als “Tanz auf dem Vulkan” erzählt hat (mit Drogen, den Kellerclubs, dem Glitzer und der Stadt der Sünde) ist hier vorbei. Am Abend des 30. Januar tanzen die beiden Polizisten Charlotte Ritter und Gereon Rath noch auf dem Berliner Presseball, und man ahnt schon beim Zuschauen, dass das der letzte unbeschwerte Moment sein wird.
Der Kriminalfall, der die Staffel trägt, hat mich sofort gepackt. Und hat mich (wie so vieles in der Serie) zu allerlei Recherche angetrieben. Er dreht sich um eine Theorie um Hitlers Aufenthalt in einem Militärlazarett nach dem ersten Weltkrieg und einigen Geschehnissen dort. Dort lag tatsächlich ein Gefreiter namens Hitler nach einem Senfgasangriff mit einer vorübergehenden Erblindung, das steht so sogar in “Mein Kampf”. Ob diese Blindheit hysterisch war und ob ein Psychiater namens Edmund Forster sie mit Hypnose behandelt hat, ist in der Forschung Spekulation, und die Krankenakte ist bis heute verschollen. Genau aus dieser Leerstelle macht die Serie ihren “MacGuffin”: Eine Akte, die die Heldenlegende des frisch ernannten Reichskanzlers vor der Märzwahl beschädigen könnte, und einen Staatsapparat, der jeden Zeugen beseitigt, der davon weiß. Hitler selbst kommt in der Staffel übrigens nur sehr selten vor.
Was die Staffel stattdessen zeigt, ist die Machtergreifung von innen. Nicht als Nachrichtenbeitrag oder Erzählungen, sondern als etwas, das in Büros, Küchen, Redaktionsstuben und in der Kantine der Kripo passiert. Die SA marschiert mit Fackeln durch die Straßen, und ein paar Folgen später steht sie als Hilfspolizei im Präsidium und nimmt sich, was sie will. Und dann sind da die Geheimgefängnisse, in denen Menschen verschwinden, die am Morgen noch Zeitungsredakteure oder Anwälte waren. Die Serie zeigt das mit einer Drastik, die ich ihr nicht zugetraut hätte. Sie stellt Gewalt nicht aus. Aber sie schneidet auch nicht weg, wenn liebgewonnene Figuren in diese Fänge geraten. Es gibt keinen erhobenen Zeigefinger zu heutiger Zeit; aber wenn man nicht völlig abgestumpft ist, kann man sich seinen Teil denken.
Das eigentliche Herz der Staffel sind die Menschen, die man seit Staffel 1 kennt. Charlotte muss diesmal ohne Gereon auskommen und ausgerechnet mit Böhm an ihrer Seite arbeiten. Reinhold Gräf, der Polizeifotograf, bekommt eine besonders ergreifende Geschichte. Elisabeth Behnke, Katelbach, Anwalt Litten und Zeitungsredakteur Heymann haben auch viele “Highlights”.
Es gibt trotzdem Dinge, an denen ich mich gestört habe: Alfred Nyssen war mir schon in den letzten Staffeln zu drüber. Hier ist er komplett eine Karikatur seiner selbst. Ein Ausflug nach Köln ist ebenfalls ein störender Bruch für mich, was die Stimmung angeht: Bunt und laut und Karneval “on the nose”.
Aber gerade in Köln gab es viel von etwas zu beobachten, was ich sehr gut fand: Die Serie schneidet echte historische Filmaufnahmen mit ihrem eigenen Material zusammen. Straßenszenen im Kölner Karneval, die Fackelzüge in Berlin, die Menschenmassen bei Demonstrationen, die Stadtansichten: Immer wieder gibt es solches Material.
Als Duisburger habe ich mitten in dieser Staffel auch noch plötzlich den Landschaftspark Nord auf dem Bildschirm gesehen. Der Duisburger Norden taucht mehrfach auf, und in der Serie soll das alles nördlich von Berlin liegen.
Ich habe Babylon Berlin über die Jahre für vieles geliebt: Für die Ausstattung, für die Musik, für die Spannung. Nach der finalen Staffel finde ich es gut, dass sie am Ende den Mut hatten, die Serie rechtzeitig zu beenden und ihre Figuren nicht zu schonen. Man muss diese Serie einfach sehen. Und danach sollte man mit jemandem darüber reden.
