Schreibtagebuch – KW33/2026

Ich will ja eigentlich nicht jammern. Aber ich tue es trotzdem: Diese Hitzeperioden, von denen aktuell eine ist, sind die schlimmsten, die ich bisher je mitgemacht habe. Sie trifft mich vor allem auch körperlich; wenn ich nachts erst gegen 4 oder 5 Uhr kühle Luft in die Wohnung bekomme und erst da vernünftig schlafen kann, aber dann um 8 oder 9 Uhr wieder berufliche Termine habe und das wochenlang – das nimmt einen mit. In meiner verdammten Dachgeschosswohnung ist das eine massive Einbuße der Lebensqualität. Und die verleidet mir die Lust auf alles, was ich sonst gerne mache: Schreiben, Lesen, Spielen, Kochen, etc. – naja, zumindest in der kommenden Woche scheint es eine kältere Periode zu geben, die etwas entlastet.

Trotzdem habe ich diese Woche einen Ausflug unternommen und möchte ein paar Sätze darüber verlieren: Ich war auf einer Krimilesung in einem Museumszug in Essen. “Mord im Baldeney-Express” hieß die Veranstaltung der Hespertalbahn in Essen-Kupferdreh. Um Punkt sechs zog die alte Diesellok den Zug aus dem Bahnhof, draußen glitt der Baldeneysee vorbei, drinnen las Steffen Hunder aus seiner Kurzkrimi-Sammlung “Mord am heiligen Ort”.

Hunder war jahrzehntelang Pfarrer in Essen und neben dieser Arbeit hat er Ende der Neunziger einfach angefangen, Krimis zu schreiben: 1999 erschien sein Debüt “Das Ritual des 11. Gebotes”, seit 2000 ist er Mitglied im SYNDIKAT, der Autorenvereinigung der deutschsprachigen Kriminalliteratur. Er organisiert auch regelmäßig Krimi-Veranstaltungen im Ruhrgebiet. Zwischen den Geschichten erzählte er von den Anekdoten, die zu den Krimis geführt haben; sehr lebhaft und mitunter (bin zumindest ich der Meinung) doch sehr ausgeschmückt. Aber die präsentierten Kurzkrimis hatten immer eine enorm gute Grundidee bzw. Auflösung.

Ich muss sagen, das hat mich sehr inspiriert und motiviert: Da ist jemand, der mit Anfang vierzig, mitten im vollen Berufsleben, sein Krimidebüt veröffentlicht hat. Etwas, was ich auch machen will. Auch, wenn es nicht so leicht ist, wie man eventuell meint. Denn wie in der vergangenen Woche angedeutet, habe ich inzwischen auch Feedback von Verlagen erhalten. Dazu kommen wir jetzt.

Ich habe Absagen erhalten

Die vergangenen Wochen gab es Verlagspost. Zwei Absagen für “Tod zur Spargelzeit”. Ich will hier gar nicht so tun, als würde mich das kaltlassen, aber zumindest kam zumindest eine mit einer konkreten Rückmeldung aus der ich was Neues ziehen kann.

Die erste Absage in Kurzform: Das Manuskript passe derzeit nicht ins Programm. Und es sei “im Buchhandel schwer zu verorten”. Zu historisch für den klassischen Regionalkrimi, zu regional und zu gemütlich für den historischen Roman. Mein erster Reflex: Genau diese Mischung ist doch der Reiz! Aber die harte Realität sieht wohl wirklich so aus: Verlage denken in Regalen, weil Buchhändler in Regalen denken und Leser davor stehen. Vermutlich ein klassisches Vertriebsproblem.

Aber die zweite Absage war die, die hängen geblieben ist. Der Verlag fand die Zeit schwierig: 1927 sei politisch enorm aufgeladen; vielleicht “zu aufgeladen” für einen einigermaßen gemütlichen Krimi. Die Geschichte könne genauso gut in den 1950er Jahren spielen und dort womöglich sogar besser funktionieren.

Ich habe 1927 natürlich nicht gewürfelt. Der Vertrauensverlust in Institutionen, ein Kommissar zwischen Gerechtigkeit und Loyalität, ein Dorf, das lieber schweigt als hinschaut… das alles schien mir in der Weimarer Republik gut aufgehoben. Außerdem die dort noch junge Geschichte des Spargelanbaus in Walbeck. Aber der Einwand hat einen wahren Kern: Wer 1927 liest, liest immer mit dem Wissen um 1933 mit. Über der Geschichte hängt ein Schatten. Und die dahinterstehende Frage ist eigentlich: Nutzt mein Roman das Jahr 1927 oder ist es am Ende nur Kulisse? Wenn ich ehrlich bin, weiß ich die Antwort gerade nicht.

Also habe ich beschlossen, das Experiment zu machen, statt beleidigt zu sein: Ich nehme mir das Manuskript noch einmal vor und lese es mit der 1950er-Brille. Was würde kaputt gehen, was würde nach wie vor passen? Der Spargel bleibt der Spargel, das Dorf bleibt das Dorf, und ein Wirtshaus wie das Heideblümchen funktioniert in jedem Jahrzehnt. Spannend wird es bei Ortsbeschreibungen und den Figuren; man denke nur daran, wer damals alles wieder oder immer noch in Amt und Würden saß.

Umschreiben werde ich erst mal nichts. Aber ich habe mir eine Kontrollfrage notiert, an der ich die Lektüre aufhängen will: Was verliert die Geschichte, wenn ich ihr 1927 wegnehme? Wenn die Antwort “eine Menge” lautet, weiß ich, dass ich die Zeit künftig besser herausstellen muss. Wenn die Antwort “erstaunlich wenig” lautet, dann sagt mir das ebenfalls etwas und ich werde ggf. wirklich mit Anpassungen beginnen.

Ich werde euch über meine Erkenntnisse informieren. Nächste Woche geht es voraussichtlich aber um ein anderes Thema: Veröffentlichung im Selbstverlag und warum ich das auch nach ein wenig Recherche bisher nicht favorisiere.

Euch einen schönen Sonntag und einen guten Start in die Woche!