Deduktion in Perfektion

Ich liebe Deduction Games. Von ernsten wie The Return of the Obra Dinn, The Case of the Golden Idol oder The Roottrees are Dead bis hin zu lustigen Vertretern wie The Duck Detective. Nun haben die Roottree-Macher von Evil Trout ein textbasiertes Browserspiel komplett überarbeitet und als vollwertiges Steam-Release herausgebracht. Mit illustrierter Visual-Novel-Präsentation, Vertonung, Musik und einer ganzen Reihe von Komfortfunktionen. The Incident at Galley House ist ein Meisterwerk, was mich aktuell vom Schreiben abhält und die Abende einnimmt.

Hinweis: Ich habe auf allen Screenshots große Spoiler (Namen, Aussagen) unkenntlich gemacht.

Die Prämisse: 1936 geschieht im Galley House etwas Furchtbares. Mehrere Menschen sterben in einer einzigen stürmischen Nacht, die Todesursachen bleiben ungeklärt, das Haus verfällt. Jahrzehnte später betrete ich als Forscher das inzwischen verlassene Anwesen, ausgerüstet mit einer (technologisch mehr als fragwürdigen) Apparatur, die Echos der Vergangenheit rekonstruieren kann. Mit ihr lassen sich Szenen jener Nacht wie Aufzeichnungen abspielen; Gespräche, Bewegungen, kleine Gesten, alles, was in den Stunden vor der Katastrophe geschah. Der Aufhänger der Geschichte hat mich sofort gepackt: Ein Mann wird von einem gewissen Rupert Galley ins Haus eingeladen, doch keiner der zahlreichen Gäste (bis auf den Butler) hat je von diesem angeblichen Gastgeber gehört. Wer ist dieser Rupert Galley? Warum hat er all diese Leute zusammengetrommelt? Und warum sterben sie?

Das eigentliche Herzstück ist die Mechanik. Die Nacht ist in 26 Zeitabschnitte unterteilt, und für die rund ein Dutzend Figuren gibt es in jedem dieser Abschnitte Szenen. Um eine Szene freizuschalten, muss ich einen numerischen Code eingeben, der sich aus Ort, Zeitpunkt und den beteiligten Personen zusammensetzt. Der Clou: Die Figuren sind anfangs nur Nummern. Ihre Namen, ihre Beziehungen, ja selbst der Grundriss des Hauses mit all seinen Räumen müssen erst nach und nach erschlossen werden. Beispiel: Ich schnappe in einer Szene einen Hinweis auf, dass zwei Personen zu einer bestimmten Uhrzeit im Salon gewesen sein müssen. Ich gebe die entsprechende Kombination ein und siehe da, eine neue Szene öffnet sich, die wiederum drei neue Fragen aufwirft. Es fühlt sich an wie eine Mischung aus Cluedo und einem Kreuzworträtsel, bei dem jede Antwort neue Kästchen freilegt.

Was das Spiel dabei von fast allen andere Titeln des Genres (zumindest die, die ich kenne) abhebt, ist die Freiheit in der Herangehensweise. Ich kann die Nacht Figur für Figur abarbeiten, mich chronologisch durch alle Handlungsstränge parallel vorarbeiten oder einfach möglichst schnell zum Ende der Timeline vorstoßen und die Lücken später füllen. Es gibt fast immer mehrere Wege zu einer Erkenntnis, und keiner davon fühlt sich wie der falsche an. Es ist einfach ein makellos konstruiertes Netz aus Andeutungen und Querverweisen. Und das ist echt fordernd. Man sollte nicht nur auf das Hören, was gesagt wird, sondern auch was die Hintergrundgeräusche angeht, wie das alles mit der Architektur des Hauses passt und wer überhaupt wann wo gewesen sein kann.

Bei einem Dutzend Figuren und 26 Zeitabschnitten pro Kopf kommt natürlich eine enorme Informationsmenge zusammen. Um dieser Herr zu werden, gibt es ingame einige Hilfen: Ein Notizbuch erlaubt eigene Einträge und das direkte Speichern von Zitaten aus den Transkripten, Szenen lassen sich pausieren und markieren, eine Suchfunktion durchforstet alle bisherigen Gespräche nach Stichworten, und auf der Timeline kann ich eigene Marker setzen, etwa für Todeszeitpunkte. Das Spiel verrät zudem, wie viele Szenen pro Zeitabschnitt noch unentdeckt sind.

Auch atmosphärisch sitzt fast alles. Die neue audiovisuelle Ebene haucht dem Haus und seinen Bewohnern Leben ein, die Musik und das Sounddesign erzeugen eine unterschwellige Beklemmung, und das übernatürliche Element der Geschichte entwickelt sich in eine Richtung, die ich so nicht kommen sah.

Wenn ich einen echten Kritikpunkt nennen muss, dann das Finale. Das Spiel verweigert bewusst die Antwort auf die größte aller Fragen und liefert stattdessen eine ganze Reihe kleinerer, durchaus befriedigender Auflösungen. Das ist eine bewusste künstlerische Entscheidung, mit der man leben muss. Aber nach so vielen Stunden voller wilder Theorien hätte ich mir etwas mehr Klarheit gewünscht.

Aber eine Erkenntnis bleibt: Für mich ist das nicht nur das beste Detektivspiel des Jahres, sondern ein neuer Maßstab für das ganze Genre. Wer auch nur entfernt etwas mit Mystery, Puzzles oder Adventures anfangen kann, sollte das unbedingt spielen.