Schreibtagebuch – KW30/2026

Es ist immer wieder überraschend für mich, wie Urlaub und das damit einhergehende Ausbrechen aus dem Alltagstrott meine kreativen Kräfte freisetzt. Streng genommen wäre vieles davon auch ohne Urlaub und unter der Woche möglich – aber mein Kopf ist dann einfach nicht frei. Das macht einen natürlich nachdenklich, wie man das ändern kann. Aber das sind Gedanken für eine andere Zeit. Aktuell schreibe ich fleissig an “Purpur und Leere” und habe den ersten Teil, in welchem ich die Ausgangssitation etabliere und alle beteiligten Parteien und Personen einführe, fertig geschrieben. Ich habe zwischen den Abschnitten zuweilen größere Zeitsprünge und örtliche Wechsel drin. Manche davon wirken auf mich noch befremdlich, aber vielleicht setzt sich das noch. Es ist schließlich ein ganz anderer Stil und ein anderes Genre als “Tod zur Spargelzeit”. Am Ende dieses Tagebuches gibt es wieder einen Ausschnitt aus der Novelle.

Ich habe während eines Spaziergangs um die Molenplas nahe Roermond in Holland (hier klicken) auch den Plot für einen zweiten Kriminalroman mit Rudi Fleuren finalisiert. Außerdem habe ich mich auf einen passenden Arbeitstitel festgelegt: “Kesseljagd im Oktober”. Ich habe das Projekt auf meiner Romanseite ergänzt und mit einer Logline versehen. Aber erstmal geht es ja noch um die Verlagssuche für Rudis ersten Fall. Die gestaltet sich nach wie vor schleppend. Mein Agent, von dem ich schon einige Male geschrieben habe, hat sich nicht mehr gemeldet und meine letzte Rückfrage triggerte nur eine Abwesenheitsmail. Urlaub bis zur dritten Augustwoche. Ich werde aber nicht so lange warten und habe meine Projektunterlagen einfach mal bei zwei größeren Verlagen eingesendet. Antworten stehen aus.

Tja, und so ähnlich wie in der vergangenen Woche soll es auch in der kommenden Woche weitergehen: Ausflüge und kreatives Arbeiten, ehe der Urlaub auch schon wieder vorbei ist. Und erholen vom Amphi-Festival. Denn ich verrate euch was: Ich habe diesen Beitrag hier schon am Freitag vorgeschrieben und für die Veröffentlichung gescheduled. Denn aktuell befinde ich mich im Tanzbrunnen in Köln und genieße hoffentlich die schöne Zeit. Das Titelbild stammt aus dem letzten Jahr.

Euch einen schönen Sonntag und einen guten Start in die Woche! Und natürlich viel Spaß mit dem Auszug aus der Novelle.



Das “sichere Haus” war kein Haus. Es war eine stillgelegte Maschine.

Thorfga führte sie durch einen Wartungsschacht in eine Halle, die Kell den Atem nahm, obwohl er dafür keine Kraft mehr übrig haben durfte: Eine alte Pumpenkammer, tief im Bauch des Damms, mit vier Kolben von der Größe eines Hauses, die seit einem halben Jahrhundert stillstanden. Der Rost hatte sie überzogen wie Moos. Zwischen den Kolben hatte jemand Bretterverschläge gezimmert, einen Ofen aufgestellt, Hängematten gespannt. Es roch nach kaltem Metall, nach Rauch und nach Suppe, und irgendwo tropfte Wasser in einem regelmäßigen Takt.

Er blieb einen Moment stehen und legte, ohne es zu wollen, die Hand an einen der Kolben. Er war kalt. Er würde nie wieder laufen. Und Kell dachte, mit einer Klarheit, die ihn selbst überraschte: Genau wie ich. Vor zwölf Stunden war er ein Junge gewesen, der in drei Wochen eine Prüfung ablegen und dann sein Leben lang Gondeln reparieren würde. Und jetzt war er hier.

„Setzen”, sagte Thorfga und schob einen Blechtopf auf den Ofen. „Beide. Und dann redet ihr, und zwar geradeaus, denn ich hab heute Nacht schon genug Zeit an euch verschwendet.”

Sera setzte sich nicht sofort. Sie ging erst einmal durch die Halle, langsam, den Blick überall, und Kell sah ihr dabei zu. Erst als sie fertig war, setzte sie sich auf eine Kiste, mit dem Rücken zum Mauerwerk und Sicht auf beide Türen, und Thorfga schnaubte anerkennend.

„Immerhin nicht dumm.”

„Nein”, sagte Sera. „Nicht dumm.”

„Aber Akademie.”

„Gewesen.” Sera hob das Kinn. „Ich bin vor elf Tagen aus dem Arkanen Dom geflohen. Es gibt in diesem Raum vermutlich niemanden, den die Violette Akademie lieber tot sähe als mich.”

„Doch”, sagte Thorfga und deutete mit dem Kochlöffel auf Kell. „Den da.”

Kell hörte es und verstand es nicht ganz. Dennoch war es für ihn das Schlimmste, was an diesem Abend gesagt worden war.

Sera legte ihre Karten zuerst hin. Nicht aus Vertrauen. Kell sah ihr an, dass sie es abwog wie eine Kaufmannsrechnung. Ihr schien klar zu sein, dass sie ohne diesen Einsatz nichts gewinnen konnte.

Sie erzählte von einem Jungen namens Junis, der drei Jahre lang neben ihr gekniet und dessen Name über Nacht von einem Brett geschliffen worden war. Von elf schlafenden Jungen, die sich am Morgen an keinen zwölften erinnerten. Von einer fehlenden Randziffer in einem Register. Von einem Aktenband ohne Signatur, von Frachtbriefen, in denen Menschen “Gebinde” hießen und “Sonderfracht, temperiert”, und von Übergaben an der Stygischen Kluft, Verladepunkt Süd, Nacht für Nacht.

Dann trennte sie mit den Zähnen einen Faden aus dem Saum ihres Kittels, zog ein dünnes, zusammengefaltetes Blatt hervor und legte es auf die Kiste.

Kell beugte sich vor. In der gestochenen Schrift einer Verwaltung stand dort ein Name.

Clermeil Meditec & Healthcare.

„Das”, sagte Sera, „ist der Empfänger. Die Akademie schafft ihre Verschwundenen über die Kluft und übergibt sie einem Konzern der Republik. Ich weiß nicht, wozu. Ich weiß nicht einmal sicher, ob sie noch leben.” Ihre Stimme blieb ruhig. Nur ihre Hände, die im Schoß lagen, hatte sie ineinander verkrampft. „Und seit heute Nacht weiß ich noch etwas.”

Sie sah Kell an.

„Junis wurde kalt, wenn er sich fürchtete. Die Lampen flackerten. Auf dem Metall lag hinterher ein Film: Violett und doch nicht violett, geruchlos.” Sie hielt inne. „In der Bar, nachdem Sie mich berührt haben, lag derselbe Film auf den Krügen.”

Es war sehr still in der Pumpenkammer. Sogar das Tropfen schien für einen Moment auszusetzen.

„Sie sammeln keine Schüler”, sagte Sera. „Sie sammeln Menschen wie Sie.”