Schreibtagebuch – KW26/2026

Über fünfunddreißig Grad stehen draußen in der Luft, und unter dem Blechdach steht noch mehr, denn die Hitze des ganzen Tages hat sich hier oben gesammelt wie Wasser in der tiefsten Stelle eines Beckens, nur dass nichts abfließt. Die Rollläden sind nicht vorhanden. Die Vorhänge sind zu. Ein Mann liegt auf dem Boden, weil der Boden die einzige Fläche der Wohnung ist, die noch so etwas wie Kühle vortäuscht.

Er hat alles ausgeschaltet. Das ist sein Feldzug gegen den Tag, sein einziger Sieg: Jedes Gerät, das Wärme abgibt, ist tot. Der Rechner: Dunkel. Die Konsole: Kalt. Das Ladegerät aus der Dose gezogen, der Router unter Verdacht, der Kühlschrank zähneknirschend begnadigt, weil es ohne ihn nicht geht. Was bleibt, ist ein Ventilator, der die heiße Luft nur von links nach rechts schiebt und wieder zurück. Der Mann denkt: Ich müsste schreiben. Der Mann denkt es schon den vierten Tag in Folge.

Denn die Woche hat ihn ohnehin leergeräumt. Da war der Ausflug über die Grenze, hinüber nach Holland, wo die Sonne genauso brannte, nur dass man sie im klimatisierten Auto besser ertrug. Und da war die Hochzeit, ein langer, schöner, aber schweißnasser Tag in Anzug.


Ihr merkt schon: Diese Woche ist schreibtechnisch wenig passiert. Da kann ich niemandem was vormachen. An “Purpur und Leere” habe ich kaum eine Zeile Neues geschafft.

Statt also krampfhaft etwas Neues zu produzieren, mache ich heute etwas anderes. In den letzten beiden Wochen habe ich euch die beiden Hauptfiguren einzeln vorgestellt; heute folgt ein Auszug aus dem Prolog der Novelle, und er erzählt den Sommer, in dem die beiden sich als Kinder begegnet sind. Auf der Mitte des riesigen Damms, der zwei Reiche trennt.

Euch einen schönen, hoffentlich kühleren Sonntag!



In dem Sommer, in dem sie sich kennenlernten, war die Luft über Dammstadt so dick, dass man sie hätte schneiden können wie das zähe Brot aus den Backstuben der Unterstadt. Der Smog lag wie eine zweite Haut über dem Plateau, und unter der Stadt, tief im Bauch des großen Damms, schlugen die Viol-Kraftwerke ihren ewigen, dumpfen Takt. Ein Herzschlag aus Eisen und violettem Feuer. Ein Herzschlag, den die Menschen längst nicht mehr hörtem, weil er immer da gewesen war. Kell hörte ihn trotzdem, denn er hörte vieles, was anderen selbstverständlich erschien.

Er war zwölf in jenem Sommer, vielleicht dreizehn. So genau nahm man es in den unteren Bezirken von Dammstadt-Ost nicht mit den Geburtstagen. Kell stromerte durch die Stadt, hautpsache raus von Zuhause. Er hatte längst gelernt, dass es einen Ort gab, an dem ihn niemand fortscheuchte. Nicht die Aufseher der Schwebebahn, nicht die Milizionäre mit ihren Knüppeln, nicht die Tüftler in ihren rußgrauen Kitteln, die jeden Jungen, der lange genug stillhielt, mit prüfenden Blicken maßen, als wollten sie ausrechnen, was er später einmal wert sein würde. Dieser Ort war die Mitte des Damms.

Genau in der Mitte, dort, wo die Aplanische Republik aufhörte und das Iyobetische Königreich begann, dort, wo der Damm seine größte Breite erreichte und das Bauwerk wie ein eigener Kontinent über dem Abgrund schwebte, stand die alte Grenzstation. Ein schmiedeeisernes Gitter teilte sie der Länge nach. Sie war mehr Geste als Mauer, denn jeder durfte hindurch; vom Osten in den Westen und zurück. Hinter dem Gitter fiel der Blick hinab in die Stygische Kluft, und ganz weit unten schimmerte das Viol-Wasser in unnatürlichen Farben. Wer lange genug hinunterstarrte, dem war, als atmete der Abgrund.

Hier kam niemand her, der etwas zu verlieren hatte. Konzernherren mieden die Mitte, weil sie nach Schwefel und armen Leuten roch; fromme Iyobeten mieden sie, weil ihnen der Anblick des nackten Viols als Gotteslästerung galt. Es blieben die Übriggebliebenen: Gassenjungen, die alten Männer mit ihren Pfeifen, die Tagdiebe… und an jenem ersten Morgen ein Mädchen, das offensichtlich falsch war an diesem Ort.

Sie stand auf der westlichen Seite des Gitters, in einem Kleid, das einmal teuer gewesen war und das sie behandelte, als hasse sie es. Ihr Haar war so streng zurückgebunden, dass es ihr die Augenbrauen nach oben zog, und sie hatte beide Hände auf die Brüstung gelegt und beugte sich so weit über den Abgrund, dass Kell für einen Moment dachte, sie wolle springen.

“Pass auf, du fällst noch”, sagte Kell, weil ihm nichts Klügeres einfiel.

Das Mädchen drehte den Kopf abschätzend, wie eine Lehrerin, die einen Schüler mustert. “Ich falle nicht”, sagte sie. “Ich rechne.”

“Was rechnest du?”

“Wie tief es ist.” Sie sah wieder hinunter. “Mein Hauslehrer sagt, dass die Kluft keinen Boden hat. Aber alles hat einen Boden. Sonst wäre das Wasser längst weggelaufen.”

Kell trat näher, bis nur noch das Gitter zwischen ihnen war. Er kannte die Kluft, so gut man eben etwas kennen konnte, vor dem man von klein an Gruselgeschichten hörte. “Sie hat keinen Boden, den du sehen willst”, sagte er. “Da unten leben Sachen.”

“Sachen.” Sie sprach das Wort aus, als sei es schmutzig.

“Sachen”, wiederholte er. “Je näher man der Kluft kommt, desto schlimmer wird es. Das weiß jeder.”