Letzte Woche habe ich erzählt, dass meine Fantasy-Novelle mich fest im Griff hat. Diese Woche will ich endlich mal über sie reden, statt sie nur am Rande zu erwähnen. Sie heißt, zumindest vorläufig, Purpur und Leere, und sie spielt in Clermeil, meiner eigenen Fantasywelt (dazu vielleicht an anderer Stelle in Zukunft mehr). Der Arbeitstitel kann sich noch ändern, ich habe eine ganze Liste an Alternativen herumliegen, aber für heute bleibe ich dabei.
Worum es geht, ist schnell gesagt, auch wenn die Geschichte selbst alles andere als schnell geschrieben ist. Es geht um zwei junge Menschen, Sera und Kell, deren Wege sich als Kinder einmal gekreuzt haben und die das Leben dann in entgegengesetzte Richtungen geschoben hat. Sie ist eine adlige Akademieschülerin, die vor den Geheimnissen ihrer eigenen Ausbildung flieht. Er ist ein Lehrling der Tüftlergilde, der entdeckt, dass in ihm eine Gabe schlummert, die offiziell verboten ist. Am meisten reizt mich dabei das, was im Inneren der beiden passiert, während um sie herum das Gerüst aus Konzernen, Königshäusern und Verschwörung einstürzt.
Diese Woche hat mich vor allem eine Frage beschäftigt: Wie erzähle ich das eigentlich? Lange habe ich mit dem Gedanken gespielt, durchgehend bei einer Figur zu bleiben. Aber je länger ich an Sera und Kell gesessen habe, desto klarer wurde, dass es für die Geschichte vermutlich anders besser wäre. Sie lebt davon, dass die beiden gegensätzlich sind, bis in ihre Fähigkeiten hinein. Wenn ich nur durch aus einer Richtung beschreibe, verschenke ich die Hälfte.
Also wird es ein Doppel-POV. Abwechselnd ein Kapitel aus Seras Sicht, dann eines aus Kells, und so weiter. Beide in der dritten Person, dicht an der Figur, aber eben immer nur an einer. Der Reiz liegt für mich genau im Wechsel. Sera denkt in Systemen, in Beweisen, sie ist kontrolliert und förmlich, das hat sie aus ihrem adligen Hintergrund und Ausbildung mitgenommen. Kell ist das Gegenteil, knapp, trocken, er misstraut allem Großen und Pathetischen und glaubt lieber an Dinge, die man auseinandernehmen und wieder zusammensetzen kann. Wenn ich von einem Kapitel ins nächste springe, wechselt mit der Perspektive auch die Tonlage. Ich merke beim Schreiben, dass mir das hilft.
Der Aufbau ergibt sich daraus fast von selbst. Am Anfang steht ein gemeinsamer Sommer in Dammstadt, der geteilten Hauptstadt des Kontinent, in welcher das Iyobetische Königreich an die Aplanische Republik grenzt. Dort, wo die beiden sich als Halbwüchsige über die Grenze hinweg angefreundet haben. Die Erinnerungen aus diesem Sommer sind eindrücklich und begleiten die beiden in den nächsten Jahren. Das ist der emotionale Anker, auf den später alles zurückzeigt. In ihrer Jugend und frühen Erwachsenenzeit trennen sich die Stränge. Ich folge Sera bei ihrer magischen Ausbildung im Arkanen Dom im Norden des Königreichs und Kell in seine einfache Lehre in den unteren Vierteln von Dammstadt. Beide mit ihrem eigenen Päckchen und ohne zu ahnen, was der jeweils andere gerade durchmacht. Die Kapitel schieben die Handlung dabei jeweils ein Stück weiter, sodass die beiden Linien parallel laufen und sich langsam aufeinander zubewegen, bis sie sich in Dammstadt wiedertreffen. Erst ab da fängt die eigentliche Geschichte an, aber dieses lange Auseinanderlaufen vorher ist, was das Wiedersehen überhaupt erst trägt.
Was ich noch lerne, ist das Timing zwischen den Strängen. Es reicht nicht, einfach brav abzuwechseln. Jedes Kapitel muss am Ende einen kleinen Haken setzen, der mich zur anderen Figur zieht, und wenn ich dann zurückkomme, darf nicht das Gefühl entstehen, ich hätte etwas verpasst. Das ist Fummelarbeit, und ich verschiebe gerade ständig Szenen hin und her, bis der Rhythmus stimmt. Aber genau diese Art von Arbeit mag ich. Das Tüfteln um die Idee liegt hinter mir, jetzt geht es ums Handwerk, und das geht mir im Moment leicht von der Hand.
Statt nur über Struktur zu philosophieren, zeige ich euch diesmal lieber, wie sich das anfühlt, und hänge eine kleine Leseprobe an. Es ist ein Kapitel aus Kells Sicht. Achtet beim Lesen ruhig auf seinen Ton, den knappen, etwas spröden Blick auf die Welt.
Euch einen schönen Sonntag, und viel Freude mit Kell!
Kell lag auf dem Rücken im Bauch der alten Schwebebahn-Gondel Nummer Neun, die Beine ragten unter dem Wartungsschacht hervor, und über ihm summte und tickte ein Getriebe, das seit Tagen niemand zum Laufen gebracht hatte. Drei Gildenmänner hatten es vor ihm versucht. Sie hatten geflucht, am Antrieb herumgeschraubt und am Ende den Kopf geschüttelt: Hin, irreparabel, Verschrottung. Kell hörte ihnen nicht zu. Kell hörte der Maschine zu.
Maschinen logen nicht. Das war es, was er an ihnen liebte. Ein Mensch sagte das eine und meinte das andere, lächelte und stieß dir das Messer zwischen die Rippen – aber eine Maschine erzählte dir mit jedem Klicken und Schnarren genau, was mit ihr nicht stimmte, wenn man nur still genug war, um es zu hören. Und Kell konnte sehr still sein. Er legte die bloße Hand an das Gehäuse des Viol-Reglers, schloss die Augen und spürte das feine, unregelmäßige Stottern der Energie, die durch die Leitungen pulste. Da. Nicht der Antrieb. Eine haarfeine Verkrustung im Ventil, wo das Viol verharzt war, ein Fehler so klein, dass kein Prüfgerät der Gilde ihn fand und der doch die ganze Gondel lahmlegte.
Er löste die Mutter, zog das Ventil, kratzte den violetten Niederschlag mit dem Daumennagel ab, setzte alles zurück. Vierzehn Handgriffe. Dann floss das Viol wieder rund, das Stottern wurde zu einem satten, gleichmäßigen Summen, und über ihm erwachte das Getriebe zum Leben wie ein Tier, das man aus dem Schlaf gestreichelt hatte.
“Du bist ein verfluchtes Gespenst, Brandt”, sagte Meister Krannig vom Rand des Schachts.
Kell schob sich unter der Gondel hervor, das Gesicht voller Schmierfett. “Verharztes Ventil. Hätten Sie auch gefunden.”
“Hätte ich nicht, und das weißt du.” Krannig war ein breiter, mürrischer Mann mit Rußfalten in jeder Pore und Händen wie Schraubstöcke, und er gehörte zu den wenigen Menschen in Dammstadt-Ost, denen Kell zutraute, die Wahrheit zu sagen, wenn es ihm wehtat. “In drei Wochen ist die Aufnahmeprüfung. Du machst sie, du bestehst sie, und dann gehörst du der Gilde. Verstanden? Ein fester Lohn. Ein Dach. Eine Zukunft, in der dir keiner mehr ins Gesicht spuckt, weil du aus dem Schmierviertel kommst.” Er deutete mit dem Kinn auf die laufende Gondel. “Jungen wie du werden geboren, um in dieses Gewinde zu passen. Versau es nicht.”
In dieses Gewinde passen. Kell wischte sich die Hände an einem Lappen ab, der schmutziger war als seine Finger, und nickte. Es war alles, was er je gewollt hatte. Eine Schraube zu sein, die in ihr Gewinde passte. Verlässlich. Berechenbar. Unsichtbar. In einer Stadt, die einen Menschen wie ihn auf hundert Arten zermalmen konnte, war Unsichtbarkeit das Kostbarste, was man besitzen konnte.
[…]
Die untere Stadt war ein eigenes Land und Kell kannte jeden seiner Winkel.
Während über ihren Köpfen die Plateaus der Reichen im Sonnenlicht glänzten (die Konzernzentralen, die Verwaltungstürme, die Flugplätze, von denen die Luftschiffe wie fette, träge Wale aufstiegen), lag die untere Stadt in einem ewigen, von Bogenlampen durchstochenen Zwielicht. Hier zischte und dampfte es aus tausenden Rohren. Hier rann das Abwasser der Viol-Kraftwerke durch offene Rinnen, hier hockten die Viol-Süchtigen, die für eine Phiole alles taten, mit ihren violett unterlaufenen Augen. Hier roch es nach heißem Metall und kaltem Fett und nach dem süßlichen Gestank der Wirrnis, der von Süden über den Wirrniswall kroch, wenn der Wind ungünstig stand.
Kell ging den langen Weg nach Hause durch das Schmierviertel, Sektor Sechsundzwanzig, vorbei an der Suckerpunch-Bar, aus der schon am späten Nachmittag das Grölen der Werftarbeiter drang, vorbei an den schwerbewachten Aufzügen, die zum Fuß des Damms hinabführten. An einer Ecke standen zwei Männer in den grauen Uniformen einer Konzernmiliz und musterten die Vorübergehenden, und Kell tat, was er immer tat: Er machte sich klein, senkte den Blick, wurde zu nichts. Es funktionierte. Es funktionierte fast immer.
“Habt ihr von dem Färber gehört?”, sagte eine Frau im Vorübergehen zu ihrer Begleiterin. “Drei Häuser weiter. Einfach weg. Sein Laden steht offen, die Lampen brennen, das Essen noch auf dem Tisch – und kein Mensch erinnert sich, wann sie ihn zuletzt gesehen haben. Nicht mal seine eigene Schwester.”
“Die untere Stadt frisst die Leute”, sagte die andere. “War schon immer so.”
“Nicht so wie jetzt”, sagte die Erste, und dann waren sie vorbei, und Kell ging weiter und dachte sich nichts dabei. Menschen verschwanden in den unteren Bezirken. Das war keine Neuigkeit.
