Erst vergangenen Montag habe ich hier im Quicksave-Format über das Gothic Remake geschimpft. Über Abstürze, über Ruckler, über einen technischen Zustand, der mir den Einstieg ins Minental gründlich verleidet hat. Aber: Die ersten Patches kamen nun schnell und räumten genau die Stolpersteine weg, über die ich mich in Rage geschrieben hatte. Ich habe weitergespielt und muss eine kleine Liebeserklärung loswerden.
Das Gothic Remake ist sperrig und störrisch und steht mir von der ersten Minute an gnadenlos unversöhnlich gegenüber. Es nimmt mich nicht an die Hand. Vor meinen Füßen liegt kein leuchtender Faden, dem ich nur folgen müsste. Ein Questmarker, der mir wie ein dressierter Hund vorausläuft, fehlt ebenso wie die Karte, die sich von selbst befüllt. Wer in der Kolonie wissen will, wo das Neue Lager liegt, der muss losziehen, fragen, sich verlaufen, von viel zu starken Gegnern umgehauen werden und beim zweiten oder dritten Mal merken, dass er nun weiss wo es lang geht Man arbeitet hier keine Welt ab. Man lernt sie Schritt für Schritt kennen.
Dieser Verzicht ist für mich ein Geschenk. Indem das Spiel mir all den Komfort verweigert, traut es mir etwas zu. Es behandelt mich wie einen Erwachsenen, der sich auf eine Welt einlässt, die nicht für seine Bequemlichkeit gebaut wurde. Kein Spiel, das mich bei Laune halten will, damit ich bloß nicht abspringe. Der Namenlose ist in den ersten Stunden ein Nichts. Ein einziger Treffer der falschen Kreatur, und der Kampf ist vorbei, bevor ich mitbekommen habe, dass er begonnen hat. Die Scavenger am Wegrand sind eine echte Bedrohung, kein Futter zum bequemen Aufleveln. Die Gruppe von Molerats, die ich anfangs großspurig angegangen bin, hat mir beigebracht, dass Demut hier eine Überlebensstrategie ist. Stärker werde ich genau in dem Moment, in dem ich die Welt begreife. Eine hochkriechende Erfahrungsleiste allein bringt mich keinen Schritt weiter. Und selbst das Ausgeben von Erfahrungspunkten ist teuer und bedarf bestimmter Lehrer, die natürlich auch nirgends verzeichnet sind.
Dass mich das so freut, hat mit Erinnerungen zu tun. Ich bin nicht umsonst mit Leib und Seele Retro Gamer. Ich habe nichts gegen Komfort-Funktionen moderner Spiele, aber oft geht mir dabei der Anspruch verloren. Wie vermutlich viele, hatte ich diesen “Erweckungsmoment” beim Spielen von Demon’s Souls. Da hat es irgendwann Klick gemacht: “So Spiele, so Herausforderungen habe ich als Kind gemocht. Sowas gibt es heutzutage nur selten.”
2001 habe ich mich durch Gothic gestorben und mich in Geduld geübt, wie es Demon’s Souls dann wieder verlangte. Genau hier ist den Remake-Entwicklern von Alkimia das Kunststück gelungen, das ein Remake leisten muss und selten schafft: Sie haben den Geist des Originals eingefangen. Das Minental sieht so aus, wie ich es von 2001 in Erinnerung hatte, und nicht so, wie es damals wirklich aussah, mit seinen klobigen Polygonen und der Phantasie, die man immer dazudenken musste. Die alte Seele ist geblieben, nur steht jetzt eine Grafik drumherum, die ihr gerecht wird. Das unterscheidet diese Neuauflage von vielen anderen, die ein altes Spiel nehmen und ihm beim Modernisieren genau das austreiben, was es besonders gemacht hat. Sie schleifen die Kanten ab bis ein anständiges, austauschbares Spiel dasteht, das niemandem wehtut und das man nach einer Woche vergessen hat. Alkimia hat den umgekehrten Mut bewiesen und die Reibung behalten. Im Jahr 2026 ein Spiel zu veröffentlichen, das einen 2001er Anspruch an seine Spieler stellt, das finde ich super.
Man kann darüber streiten; ich weiss, dass meine Begeisterung nicht jeder teilt. Manch einer findet, das Remake sei zu treu geraten, es schleppe Designentscheidungen mit, die schon vor fünfundzwanzig Jahren als sperrig galten, und mute dem Spieler Dinge zu, die heute niemand mehr müsste. Ein valider Einwand, den ich nicht kleinreden will. Wer von einem Spiel verlangt, dass es ihm den Spielabend leicht macht, der leidet hier. Und auch nach den Patches ist noch ein Rest technischer Unrundheit zu spüren, makellos poliert ist das hier nicht. Aber genau da scheiden sich die Geister. Was die einen als veraltete Bürde lesen, ist für mich die eigentliche Substanz. Die Frustration, wenn ich zum vierten Mal an derselben Kreatur sterbe, ist hinnehmbar, denn der Sieg, wenn er denn kommt, gehört dann wirklich mir.
Und so sitze ich jetzt wieder im Minental und entdecke es nach mehr als zwei Jahrzehnten nochmal neu.
