Andy Weirs Roman “Der Astronaut” lebt davon, dass Wissenschaft die Erzählung antreibt. Wie schon “Der Marsianer” habe ich den Roman damals verschlungen. Und da mir die Verfilmung vom letztgenannten sehr gut gefallen hat, war ich sehr gespannt auf “Project Hail Mary”. Phil Lord und Christopher Miller haben mich nicht enttäuscht und eine ruhige Erzählung mit beeindruckenden Bildern abgeliefert.
Ryland Grace wacht aus dem Koma auf, Lichtjahre von der Erde entfernt, allein auf einem Raumschiff, ohne Erinnerung daran, wer er ist und warum er dort ist. Die heimische Sonne wird von einem Mikroorganismus heimgesucht, eine drohende Eiszeit auf der Erde, eine internationale Notmission zum Stern Tau Ceti. Wer den Roman kennt, weiß den Rest. Wer ihn nicht kennt, bekommt die Informationen genau in dem Tempo, in dem Grace sie selbst zurückgewinnt.
Die Raumschiff-Architektur übersetzt Weirs technische Beschreibungen erstaunlich genau. Ryan Gosling spielt Grace weniger als verstaubten Lehrer und mehr als wissenschaftsbegeisterten Erwachsenen, der seine Neugier nicht verlernt hat. Das funktioniert besser, als ich erwartet habe.
Die Begegnung mit Rocky (mehr will ich dazu nicht spoilern) ist der Punkt, an dem die meisten Erste-Kontakt-Filme entweder in den Gefühls- oder Spektakel-Modus schalten. Hier passiert weder das eine noch das andere. Zwei Wesen versuchen, sich zu verständigen, mit Frequenzen, Tabellen, gemeinsamen Maßeinheiten.
Der Vergleich zu “Interstellar” liegt nahe, passt aber nur teilweise. Beide Filme nehmen Wissenschaft ernst und vertrauen darauf, dass ein Publikum sich für die Mechanik begeistern kann. Aber wo “Interstellar” aus Einsamkeit Pathos macht, macht “Project Hail Mary” aus Einsamkeit Neugier. Das ist eine andere Tonart. Beide Filme können nebeneinander stehen, ohne dass einer dem anderen den Rang abläuft
Schwächen hat der Film durchaus. Das Ende zieht sich. Es gibt einen Moment, der das natürliche Ende wäre, danach hängt das Drehbuch noch ein paar Minuten an, in denen sicherheitshalber alles nochmal eingeordnet wird.
Was bleibt, ist ein Science-Fiction-Film, in dem Probleme mit Verstand gelöst werden und in dem das Weltall nicht nur ein feindlicher Ort ist, sondern auch einer, an dem man etwas herausfinden kann. Die Abweichungen von der literarischen Vorlage tun dem Genuss keinen Abbruch.
