In den letzten Monaten habe ich begonnen, meine digitale Welt umzubauen. Anfang Januar hatte ich dazu schonmal einen Blogbeitrag veröffentlicht (hier klicken). Weg wollte ich von großen, anonymen Plattformen. Weg, wo es geht, von amerikanischen Anbietern, hin zu europäischen Alternativen oder Self-Hosting. Mehr Kontrolle über meine eigenen Daten, weniger Tracking, weniger Konzern, weniger Bequemlichkeitssucht. Es läuft gut! Hier eine aktuelle Wasserstandsmeldung :).
Social Media: Quasi Komplettausstieg
Das war kein einfacher Schritt, kalter Entzug von heute auf morgen und gleichzeitig der mit der größten emotionalen Wirkung. Ich habe meine Social-Media-Accounts (Twitter, Facebook, Instagram) abgemeldet und gelöscht. Nicht deaktiviert, gelöscht. Lediglich Reddit ist geblieben; aber ganz bewusst habe ich die App nicht auf dem Handy. Der Konsum ist eine ganz bewusste Entscheidung über den Browser statt ein reflexhafter Touch auf das App-Icon.
Was ich zurückbekommen habe, ist Zeit, Aufmerksamkeit und bessere Laune. Ich war erstaunt, wie reflexhaft ich vorher zum Handy gegriffen hatte. Heute liegt mein Handy oft einfach da und meinen Drang zur Dauerbeschäftigung ist abtrainiert.
Amazon: Account gelöscht
Mein Amazon-Account ist weg. Ich kaufe wieder bei lokalen Händlern, beim Buchladen um die Ecke, beim Spieleladen in der Stadt und im örtlichen Elektronikladen. Wenn ich online bestelle, dann bei spezialisierten Anbietern. Es dauert manchmal länger. Manchmal kostet es ein paar Euro mehr. Es lohnt sich trotzdem. Auch hier: Bewussterer Konsum.
Streaming-Wildwuchs zurückgestutzt
Wer von uns hatte nicht irgendwann fünf Streamingdienste gleichzeitig laufen, halb vergessen, monatlich abgebucht? Ich habe rigoros aussortiert. Aktuell läuft nur noch HBO Max. Wenn eine Serie woanders läuft, die ich unbedingt sehen will, abonniere ich für einen Monat und kündige danach. Das ist plötzlich wieder bewusster Konsum statt Hintergrundrauschen. YouTube allerdings, daran kommt man glaube ich nicht vorbei.
Windows → Linux (Bazzite)
Hier bin ich auf halber Strecke. Bazzite ist ein gaming-orientiertes Linux, das es mir schon durch seine Basiskonfiguration erlaubt, ohne großen Aufwand Spiele zu spielen, die früher Windows-exklusiv waren. Das war für mich der entscheidende Knackpunkt: Solange ich Windows nur fürs Spielen brauche, kann ich es ersetzen, sobald Linux das ähnlich gut hinbekommt. Und das tut es inzwischen, dank Proton, Steam und Initiativen wie Bazzite, erstaunlich gut. Ich bin noch nicht ganz drüben; aber das liegt ehrlicherweise nur am mangelnden Mut, meinen Hauptrechner umzustellen.
Microsoft Office → LibreOffice
Das war der Wechsel, der im Nachhinein am einfachsten war. Einfach machen! LibreOffice ist nicht hübsch. Es fühlt sich an wie ein Office aus 2012, das jemand liebevoll gepflegt hat. Aber es funktioniert. Es macht alles, was ich brauche. Und es kostet nichts, gehört keinem Konzern, läuft auf meinem Rechner ohne Cloud-Zwang und ohne Abo.
Apple Notes → Obsidian
Meine täglichen Notizen, Orgakram und alles, was so zu dem gehört, was man so “Second Brain” nennt, war vorher in Apple Notes festgehalten. Davon bin ich nun weg und setze auf Obsidian, durch diverseste Plugins und eine lebhafte Community, ist das eine echte Qualitätssteigerung.
Microsoft OneDrive → Strato HiDrive
Mein Cloud-Speicher und meine Offsite-Backups liegen jetzt bei Strato, einem deutschen Anbieter, dessen Server in Deutschland stehen und der dem deutschen Datenschutzrecht unterliegt. Die Migration war ein Wochenendprojekt. Seitdem keine Probleme. Auch hier gilt: HiDrive ist nicht so glatt poliert wie OneDrive. Aber es tut, was es soll. Mehr will ich gar nicht.
E-Mail und Webhosting: Nix zu tun
Bei meiner E-Mail und meinem Webhosting hatte ich einen Vorteil: Beides läuft ohnehin schon seit Jahrzehnten bei Strato. Da musste ich nichts tun.
Google Calendar → Proton Calendar
Mein Kalender ist jetzt verschlüsselt und liegt in der Schweiz bei Proton. Das war einer der Wechsel, bei denen ich am stärksten gespürt habe, wie viel Vertrauen ich vorher unbewusst verschenkt hatte. Mein Kalender erzählt jemandem, der ihn liest, mein Leben in einer beängstigenden Granularität. Wen ich treffe, wann, wo, wie oft. Es ist gut, dass diese Daten nicht mehr in einem Werbeökosystem liegen.
Adobe → GIMP
Adobe ist der Inbegriff dessen, was ich nicht mehr will: Ein Abomodell, das einen mit den eigenen Dateien zur Geisel nimmt. Wer einmal in Photoshop & Co. arbeitet, kommt schwer wieder raus. Ich habe es geschafft, indem ich mir eingestanden habe, dass ich kein Profi-Bildbearbeiter bin und für meinen Bedarf GIMP völlig ausreicht. Ist es so glatt wie Photoshop? Nein. Treibt einen die Bedienung manchmal zur Weißglut? Ja. Reicht es? Ja.
Patreon → Steady
Wenn ich Content Creator unterstütze, dann jetzt über Steady: Ein Berliner Anbieter, der dasselbe Modell wie Patreon bietet, aber eben in Europa sitzt. Hier war der Wechsel besonders einfach: Es ging nur darum, neu zu denken, wo ich meine Unterstützung registriere.
VSCode → Zed
VSCode ist Microsoft. Zed ist es nicht. Zed ist außerdem schneller, schlanker, fühlt sich beim Tippen an wie ein gut eingelaufener Schuh. Ich vermisse VSCode kein bisschen.
Chrome → Firefox
Ich war nie ein großer Chrome-Fan, aber ich war bequem. Firefox war gut. Firefox ist immer noch gut. Ich hätte den Wechsel früher machen sollen.
ChatGPT → Mistral → … Claude
Hier muss ich ehrlich sein. Ich habe versucht, bei Mistral zu bleiben. Das wäre die saubere europäische Lösung gewesen. Aber die Wahrheit ist: Claude ist für meinen Alltag schlicht zu gut. Im Recherchieren, im Sortieren, im Strukturieren, im Sparring. Ich nutze KI als Werkzeug, und da zählt die Qualität sehr. Das ist die unbequeme Stelle in dieser ganzen Geschichte. Wenn die europäische Alternative deutlich schlechter ist, dann ist mein Bekenntnis zu Europa schwächer als mein Bekenntnis zu Produktivität. Damit muss ich leben. Und ich hoffe, dass die europäischen Anbieter aufholen.
WhatsApp → Signal
Ein Kampf gegen Windmühlen. Der Wechsel zu Signal ist der Wechsel, der mir am meisten Energie kostet. Nicht weil Signal kompliziert wäre, sondern ganz im Gegenteil: Die App ist sauber, schnell, datenarm. Sondern weil Familie und viele Bekannte und Gruppen dort sind und nicht wegwechseln wollen.
Spotify
Spotify ist nicht amerikanisch, aber hat in den letzten Monaten politisch Dinge getan, die mir nicht gefallen. Trotzdem bleibe ich erstmal. Warum? Weil ich keinen anderen Musikstreaminganbieter gefunden habe, der mir denselben Komfort bietet, ohne dass ich mein gesamtes Hörverhalten neu aufbauen muss. Das ist ein Kompromiss, mit dem ich nicht glücklich bin. Ich konsumiere aber tatsächlich nur Musik darüber – Podcasts höre ich seit jeher ganz oldschool über eine Podcast-App (Overcast) in der ich RSS-Feeds abonniere.
Was offen bleibt
Mein iPhone und mein MacBook sind logischerweise weiterhin Apple. Die Betriebssysteme zwingen mich in das Apple-Ökosystem, an dem ich eigentlich vorbei will. Aber ein Wechsel wäre aktuell unwirtschaftlich: Die Geräte funktionieren, sie haben noch Lebenszeit, sie wegzuwerfen wäre teurer als sie zu behalten, und zwar nicht nur finanziell, sondern auch ökologisch. Ich werde mir bei der nächsten Anschaffung Gedanken machen. Bis dahin bleibt das ein offener Punkt, mit dem ich leben muss.
Was ich gelernt habe
Das wichtigste Learning ist banal: Es geht. Ich habe vorher gedacht, ein Wechsel sei zu kompliziert, zu zeitaufwendig, zu nervig. Tatsächlich war jeder einzelne Schritt ein Wochenendprojekt, manche sogar nur ein Abend. Was wirklich schwer ist, ist nicht der technische Wechsel, sondern die Bequemlichkeit zu überwinden, die uns die Plattformen antrainiert haben, und die Sorge, etwas Bekanntes loszulassen.
Das zweite Learning: Perfekt geht nicht. Wer sich beim Umbau seines digitalen Lebens vornimmt, alles richtig zu machen, gibt nach drei Tagen auf. Ich habe für mich entschieden, dass es um eine Richtung geht, nicht um einen Endzustand. Jeder Wechsel, der gelingt, ist ein Gewinn.
Ich bin auf dem Weg. Hier mein Status noch mal in tabellarischer Form:
| Bereich | Vorher | Nachher | Status |
|---|---|---|---|
| Social Media | Diverse Plattformen | Abgemeldet, Accounts gelöscht (nur Reddit als Konsument) | ✅ Abgeschlossen |
| Messenger | Signal | 🔄 Laufend | |
| Notizen | Apple Notes | Obsidian | ✅ Abgeschlossen |
| Office-Suite | Microsoft Office | LibreOffice | ✅ Abgeschlossen |
| Cloud-Speicher & Backup | Microsoft OneDrive | lokales NAS + Strato HiDrive | ✅ Abgeschlossen |
| Strato | Strato | ✅ Bereits gut | |
| Webhosting | Strato | Strato | ✅ Bereits gut |
| Kalender | Google Calendar | Proton Calendar | ✅ Abgeschlossen |
| KI-Assistent | ChatGPT | Erst Mistral, jetzt Claude | ⚠️ Pragmatisch |
| Bildbearbeitung | Adobe Photoshop & Co. | GIMP | ✅ Abgeschlossen |
| Creator-Support | Patreon | Steady | ✅ Abgeschlossen |
| Code-Editor | VSCode | Zed | ✅ Abgeschlossen |
| Browser | Google Chrome | Firefox | ✅ Abgeschlossen |
| Betriebssystem | Windows | Linux (Bazzite) | 🔄 1 von 2 Systemen abgeschlossen |
| Musikstreaming | Spotify | Spotify (mit Bauchschmerzen) | ⏸️ Offen |
| Online-Shopping | Amazon | Lokale Händler & Spezialanbieter | ✅ Account gelöscht |
| Film & Serien | Mehrere Dienste parallel | Nur HBO Max, sonst monatsweise | ✅ Aussortiert |
| Smartphone & Laptop | iPhone & MacBook | iPhone & MacBook | ⏸️ Bei Neukauf neu denken |
