KI-Gedanken

Nachdenklich-skeptisches Titelbild zu einem nachdenklich-skeptischen Beitrag. Seit Monaten höre ich in meinen Gaming-Podcasts, lese in den Magazinen, die mich seit Jahren begleiten, verschiedene Versionen derselben Meinung: Künstliche Intelligenz ist der Feind. Sie zerstört Kreativität, sie klaut von Künstlern, sie frisst unseren Planeten. Und jedes Spiel, bei dem auch nur ein Millimeter mit KI generiert wurde, gehört boykottiert. Ich respektiere diese Haltung. Aber ich halte sie für gefährlich unreflektiert. Ich habe über die letzten Wochen immer mal wieder einen Text für den Blog angefangen, umstrukturiert und umformuliert. Nun ist es aber auch mal an der Zeit, ihn einfach rauszuhauen. Entschuldigt daher bitte, wenn der Text zuweilen etwas im Thema springt.

Wut hat sich angestaut

Warum dieser Beitrag? Er ist die Folge von immer mehr bei mir angesammelter Wut über unreflektierte und dogmatische Berichterstattung zu KI-Einsatz im Gaming-Bereich. Daher erstmal eine Art kurzer Herleitung.

Nehmen wir den Fall “Clair Obscur: Expedition 33”. Das Spiel gewann bei den Indie Game Awards 2025 die Preise für “Game of the Year” und “Debut Game”; bevor sie ihm wieder aberkannt wurden. Der Grund: Im Entwicklungsprozess waren temporäre Platzhaltertexturen aufgetaucht, die mit generativer KI erstellt worden waren. Die Entwickler bei Sandfall Interactive hatten sie im QA-Prozess übersehen; innerhalb von fünf Tagen nach Entdeckung wurden sie entfernt. Fünf Tage. Platzhalter. Kein einziger finaler Asset war KI-generiert.

Trotzdem wurde das Spiel disqualifiziert. Die Botschaft war klar: Kontamination wird nicht geduldet. Nicht mal versehentlich. Und genau das ist der Punkt, an dem ich Bauchschmerzen bekomme. Nicht weil ich finde, dass man generative KI nicht kritisch hinterfragen sollte. Sondern weil die Debatte so geführt wird, als gäbe es nur Schwarz und Weiß.

Was in den meisten Gaming-Podcasts und -Magazinen ausgeblendet wird: Eine Google-Cloud-Studie von August 2025 zeigt, dass 90% der befragten Spieleentwickler KI bereits in ihre Arbeitsabläufe integriert haben. Laut dem “Global Gaming Report 2026” nutzen etwa 50% der Studios KI aktiv in der Entwicklung. Und hey, ich arbeite selbst in der IT-Branche und lege meine Hand dafür ins Feuer: Bei weit über 90% der aktuell in Entwicklung befindlichen Spiele wird KI direkt oder indirekt eingesetzt. Beim Coding, beim Prototyping, bei der Asset-Vorproduktion, beim Testen. Viele Studios reden nur nicht darüber, weil sie den Shitstorm fürchten. Und gleichzeitig sagt ein sehr großer (oder zumindest sehr lauter) Teil der Spielepresse und Spieler, dass sie generative KI negativ sehen. Wenn meine Wahrnehmung stimmt, ist das eine massive Diskrepanz. Fast alle nutzen es. Kaum jemand will es zugeben. Und die Konsumenten scheinen es zu hassen.

Was mich an der Berichterstattung stört, ist nicht die Kritik an sich. Es ist die Art, wie sie geführt wird. Wenn zum Beispiel ein Podcast-Host bereits mit einer deutlichen KI-Antihaltung in ein Interview geht, wird das Gespräch gefärbt. Der Gesprächspartner wird entweder bestätigt oder in die Defensive gedrängt, aber eine offene, neugierige Erforschung des Themas findet nicht statt. Das widerspricht meinem Verständnis von Journalismus.

Wer so in ein Thema einsteigt, wird niemals ein überzeugendes Argument für den Einsatz von KI hören. Nicht weil es keines gibt, sondern weil der eigene Bias es nicht zulässt. Und so werden KI-Befürworter schnell als empathielose Technokraten abgestempelt. Die gibt es natürlich sehr wohl und ich kann sie alles andere als leiden, aber diese Schublade erspart einem die Mühe, sich mit den eigentlichen Argumenten auseinanderzusetzen.

Was mich besonders ärgert: Dieselben Journalisten, die kleine Indie-Studios für ihr “KI-frei”-Label feiern, stellen die unbequemen Fragen nicht. Haben diese Studios ihren Mitarbeitern vielleicht unnötig Crunch aufgebürdet, weil Aufgaben von Hand erledigt werden mussten, die man hätte generieren können? Gefährden sie den Erfolg ihrer Projekte durch ideologische Selbstbeschränkung? Und wären manche Spiele, die KI einsetzen, ohne diese überhaupt finanzierbar gewesen? Gibt es manche Indie-Geheimtipps dort draußen ggf. nur deshalb, weil KI den Machern viel Arbeit abgenommen hat?

Urheberrecht

Ein großer Komplex bei generativer KI ist das Thema Kreativität und Urheberrecht. Zur Urheberrechtsproblematik habe ich eine starke Meinung, von der ich weiß, dass sie nicht jedem gefallen wird. Ich finde es ist eine große Anmaßung von Künstlern zu glauben, ihre Ideen wären weit wertvoller als die Ideen von Wissenschaftlern und Ingenieuren, die nur durch das Patentrecht geschützt sind. Ein Patent läuft nach 20 Jahren aus. Urheberrecht 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Ein Ingenieur macht eine lebensrettende Erfindung und nach zwei Jahrzehnten kann sie jeder nutzen. Ein Maler malt ein Bild und drei Generationen nach seinem Tod darf es niemand reproduzieren.

Natürlich gibt es Grenzen. Natürlich darf man nicht einfach Millionen raubkopierter Bücher, Bilder, etc. aus Schattenarchiven verwenden. Aber der Grundgedanke, dass ein KI-Modell aus Werken lernt, so wie ein Mensch aus Büchern lernt? Das ist kein Diebstahl. Das ist der Kern jedes kreativen Prozesses. Das große Problem sind kapitalistische Strukturen und unfaire Monetarisierungsmodelle, bei denen viele Urheber und Erschaffer von Werken (künstlerisch wie wissenschafltich) massiv auf der Strecke bleiben.

Blick auf Europa

In Europa sind wir (zu recht) stolz darauf, Entwicklungen und ihre Auswirkungen auf die Bürger kritisch zu betrachten und zu regulieren, wenn nötig. Wir haben mit dem EU AI Act die vermutlich schärfste KI-Regulierung weltweit. Aber mit welcher Konsequenz? Die großen KI-Firmen sitzen in den USA und China, nicht in Europa. Wir verpassen den nächsten Technologiezug. Genau wie bei Social Media. Wir haben keine große europäische Plattform und jammern nun über den Einfluss amerikanischer Tech-Giganten auf unsere Demokratie. Ich will keine amerikanischen oder chinesischen Verhältnisse bei uns, aber es muss doch Wege geben, nicht jeden innovativen Geist im Keim zu ersticken.

Energieverbrauch

Ein großes Thema, was ich bisher ausgelassen habe, ist der Energieverbrauch. Was aus meiner Sicht in der enthusiastischen “KI ist mächtiger als der Mensch”-Erzählung gerne ausgeblendet wird, ist eine simple Wahrheit: Ein menschliches Gehirn verbraucht für die Bearbeitung von Aufgaben überschaubar viel Energie. Eine einzige aufwändige KI-Anfrage kann ein Vielfaches davon verbrauchen und das bei jeder einzelnen Anfrage aufs Neue. Ein Mensch braucht für dieselbe Aufgabe vielleicht länger, aber er braucht dafür nur einen Bruchteil der Energie. Wenn wir also KI dort einsetzen, wo sie echte Probleme löst, echte Arbeit erleichtert, echte kreative Prozesse unterstützt, dann ist dieser Energieverbrauch zu rechtfertigen. Aber was ich jeden Tag sehe, sind KI-Spielereien, die absolut nicht zielführend sind. Chatbots, die mir beim Onlineshopping ungefragt Outfits zusammenstellen. KI-generierte Zusammenfassungen von Artikeln, die in zwei Minuten gelesen wären. Bildgeneratoren, die zum hundertsten Mal eine Katze als Astronaut im Orbit generieren. Für jede dieser sinnlosen Anfragen laufen irgendwo Rechenzentren auf Hochtouren. Das ist nicht clever. Das ist Ressourcenverschwendung und unethisch.

Persönliche Sorgen

Ich wäre nicht ehrlich, wenn ich so täte, als hätte ich auf alles eine Antwort. Die habe ich nicht, sonst hätte ich sie in meinen bisherigen Text mit eingearbeitet. Daher wirken manche Aussagen vielleicht wie Stammtischparolen, das sehe ich ein. Die Wahrheit ist: Ich habe Sorge. Nicht vor KI als Technologie, sondern vor dem, was sie für die Gesellschaft bedeutet. Damit meine ich nicht Vorstellungen von KIs, die die Menschheit unterdrücken und unbeherrschbar werden. Mir geht es vor allem um Jobs. Nicht nur meinen, sondern im Grunde alle sogenannten “white-collar”-Jobs und die Folgen solch absehbar massiver Umwälzungen im gesellschaftlichen Bereich.

Ich arbeite seit über fünfzehn Jahren in der IT. Wie wird mein Job in drei Jahren aussehen? In fünf? Existiert er überhaupt noch in der Form, die ich kenne? Ich weiß es nicht. Und dieses Nicht-Wissen ist manchmal lähmend. Aber (und das ist der entscheidende Punkt) diese Unsicherheit ist kein Argument dafür, die Augen zu verschließen. Viele Kritiker, die ich höre, sind eurozentriert und satt. Sie finden die derzeitige Situation nicht perfekt, aber sehen jede Veränderung als garantierten Weg in den Abstieg. Dabei befinden wir uns doch schon längst in einem massiven Umbruch (KI ist da nur einer von vielen Faktoren). Das beste, was man aus meiner Sicht machen kann: Sich den Veränderungen nicht verschließen, interessiert sein und versuchen, mitzugestalten.

Was ich mir wünsche

Ich hoffe, dass im Text meine Meinung und Einstellung zum Thema einigermaßen rübergekommen ist. Ich wünsche mir keine KI-Euphorie. Ich wünsche mir keine unreflektierte Umarmung jeder neuen Technologie. Was ich mir wünsche, ist eine Debatte, die beide Seiten ernst nimmt. Wo kann KI Menschen entlasten, ohne sie zu ersetzen? Wo brauchen wir Regulierung und wo erstickt Regulierung Innovation? Was bedeutet Kreativität in einer Welt, in der Maschinen Texte, Bilder und Musik erzeugen können? Und vor allem: Wie schaffen wir es, über KI zu reden, ohne in Panik oder Euphorie zu verfallen?