Auf Disco folgt Esoteric

Ich habe in meiner Jugend in “Morrowind” die Feldwege von Vvardenfell unsicher gemacht und darüber Tagebuch geführt. In “Final Fantasy VII” habe ich über Wochen den Planeten nach Geheimnissen durchsucht und bin urbanen Legenden nachgejagd, die man aufgeschnappt hat (Aerith retten… na klar). Das sind Spiele und Spielewelten, in denen man für eine gewisse Zeit “gelebt” hat. In jüngerer Vergangenheit hatte ich das z.B. nochmal mit “Cyberpunk 2077” oder “Baldurs Gate 3”. Und zuletzt vor allem mit “Disco Elysium”. Seitdem habe ich auf ein Spiel gewartet, das dieses Gefühl wieder erzeugt. “Esoteric Ebb” ist so ein Spiel.

Die Prämisse klingt zunächst nach Standard-Fantasy: Man spielt einen Kleriker in der Stadt Norvik, einer post-arkanen Metropole, in der sich spätmittelalterliche Fantasy und moderne politische Maschinerie übereinandergelegt haben. Eine Explosion in einem Teehaus, fünf Tage bis zur ersten demokratischen Wahl der Stadtgeschichte, und man selbst mittendrin als Regierungsagent eines Gottes namens Urth. Klingt nach DnD-Abenteuer. Ist es auch. Aber auf eine Weise, wie man dieses Rollenspielsystem digital noch nicht erlebt hat.

Was “Esoteric Ebb” von allem unterscheidet, was ich in den letzten Jahren (seit “Disco Elysium”) gespielt habe, ist sein Verständnis dafür, dass Rollenspielsysteme keine reine Mechanik sind, sondern Erzählung. Jeder Würfelwurf ist ein narrativer Moment. Schaffst man es, die Leiter hochzuklettern, ohne sich vor dem Goblin zu blamieren? Kann man den Arbeiterpolitiker davon überzeugen, dass man seine Sache versteht, obwohl einem sein Charisma-Wert einflüstert, man sollte sich lieber zum Magier-König ausrufen lassen? Das Spiel personifiziert die sechs DnD-Attribute als innere Stimmen: Stärke, Geschicklichkeit, Konstitution, Intelligenz, Weisheit, Charisma. Jede dieser Stimmen hat eine eigene politische Agenda. Stärke spricht beispielsweise für die Nationalisten, Geschicklichkeit für Neoliberalismus, Charisma für Apolitizismus. “Disco Elysium” war vom FATE-Rollenspielsystem inspiriert und hatte 24 Skills und innere Stimmen, in “Esoteric Ebb” findet man so zwar ein schlankeres, aber nicht weniger wirksames System.

Apropos Politik. “Esoteric Ebb” ist ein explizit politisches Spiel, und es versteckt das nicht. Die Debatten zwischen idealistischen Linksaktivisten und jungen Männern, die jede Autorität ablehnen, die Spannungen zwischen urbaner Elite und ländlicher Bevölkerung, die Frage, ob eine erste Wahl tatsächlich Veränderung bringt oder nur die bestehende Ordnung legitimiert… das alles ist so nah an unserer Gegenwart, dass es manchmal fast zu deutlich wird. Genau wie bei “Disco Elysium” gibt das Spiel Raum, anderer Meinung zu sein. Man kann seinen inneren Stimmen entgegen treten, man kann sich verweigern. Und das Spiel reagiert darauf, passt sich an, findet einen neuen Weg. Das ist keine Illusion von Freiheit, das ist tatsächliche Reaktivität. Realisiert durch eine unglaubliche Menge an Dialogen und Text. Dieser ist leider nicht vertont, wird aber sehr angenehm visualisiert bzw. präsentiert.

Wenn man von DnD in Videospielen spricht, muss man natürlich auch “Baldurs Gate 3” erwähnen. Die Spiele sind aber grundverschieden. Wenn “Baldurs Gate 3” die beste Engine ist, die jemals gebaut wurde, um DnD-Kämpfe und -Situationen spontan zu simulieren, dann ist “Esoteric Ebb” der Dungeon Master, der Entscheidungen schon Jahre im Voraus antizipiert und ausgestaltet hat. Das ist schwierig zu beschreiben. “Baldurs Gate 3” gibt einem Werkzeuge und sagt: Mach mal. “Esoteric Ebb” gibt einem eine Geschichte und sagt: Verändere sie. “Esoteric Ebb” wurde von einer einzigen Person geschrieben. In neun Jahren Entwicklung. Christoffer Bodegård, ein schwedischer Autor und Entwickler, hat u.a. mehr als eine halbe Million Wörter an Dialogen geschrieben.

Was mich persönlich am meisten abholt: Der Ton. Wo “Disco Elysium” den Spieler durch existenzielle Verzweiflung und politische Tragödie schleift, begegnet “Esoteric Ebb” seinen durchaus dunklen Aspekten mit trockenem Humor und einem abfälligen Seufzen. “Esoteric Ebb” erinnert mich stilistisch manchmal an Terry Pratchetts Geschichten.

Es ist März, und ich sage es trotzdem: “Esoteric Ebb” wird dieses Jahr für mich bei Videospielen qualitativ und unterhaltungsmäßig persönlich sehr schwer zu schlagen sein. Willkommen im Club der “Disco-likes”. Es wird Zeit, dass dieses Genre wächst.