“Tesla Effect: A Tex Murphy Adventure” ist der sechste Teil der Tex-Murphy-Reihe und gleichzeitig mein erster Kontakt mit dem Privatdetektiv aus dem postapokalyptischen San Francisco der 2050er Jahre. Gespielt habe ich das Spiel im Rahmen von “Lotts Lehrlinge” (ja, angelehnt an Gunnar Lott, dessen Format “Stay Forever spielt” mit Christian Schmidt Vorbild ist); einer Aktion, bei der ich mit zwei Arbeitskollegen alte Spiele spiele und bespreche. Jeder für sich circa zwei Stunden pro Woche für eine Mittagspause Austausch pro Woche. Ich muss sagen: Gerade dieses Format hat wunderbar zum Spiel gepasst. Denn bei Tesla Effect gibt es jede Menge zu besprechen.
Das Spiel ist im Grunde zwei Spiele in einem: Auf der einen Seite stehen die Full-Motion-Video-Sequenzen, in denen echte Schauspieler vor Greenscreens agieren und die Geschichte vorantreiben. Auf der anderen Seite gibt es frei erkundbare 3D-Umgebungen, in denen man aus der Ego-Perspektive Hinweise sammelt, Gegenstände kombiniert und Rätsel löst. Die FMV-Szenen sind in HD gedreht und sehen für das, was sie sind, erstaunlich gut aus. Chris Jones als Tex Murphy ist ein großartiger Hauptdarsteller, der die Rolle mit so viel Charme und Selbstironie spielt, dass man ihm einfach gerne zuschaut. Die Nebenfiguren sind liebevoll besetzt und sorgen dafür, dass die Chandler Avenue, Tex’ Heimat, sich tatsächlich wie eine lebendige Nachbarschaft anfühlt.

Und dann ist da der Humor. Das Spiel ist vollgestopft mit Wortwitzen, Dad Jokes und Anspielungen, die mal zum Lachen und mal zum Augenrollen bringen; oft beides gleichzeitig. Tex kommentiert so ziemlich alles, was er sieht, mit einem trockenen Spruch, und selbst in den absurdesten Situationen bleibt er der gutmütige Tollpatsch, der irgendwie trotzdem den Fall löst. Dieser spezielle Humor ist definitiv nicht für jeden, aber wer sich auf ihn einlässt, bekommt eine Erfahrung, die es so in keinem anderen Spiel gibt.
Das Setting ist stark von Blade Runner inspiriert: ein dystopisches, von Strahlung gezeichnetes San Francisco nach dem dritten Weltkrieg, in dem Mutanten neben “Norms” leben und fliegende Autos durch die Straßenschluchten gleiten. Die Cyberpunk-Noir-Atmosphäre ist stimmig und bietet eine faszinierende Kulisse für die Detektivgeschichte rund um verschwundene Erinnerungen, rivalisierende Kulte und die verschollenen Erfindungen von Nikola Tesla. Die Story ist Pulp-Noir vom Feinsten.
Was mich besonders angesprochen hat, ist das Gameplay selbst. Man bewegt sich frei durch die 3D-Welt, öffnet Schubladen, schaut unter Tische, kramt in Regalen. Das erinnert an die goldene Ära der Adventure-Spiele, als man wirklich jeden Winkel absuchen musste. Es hat etwas unglaublich Befriedigendes, wenn man nach zehn Minuten Suchen endlich den einen Gegenstand findet, den man braucht. Gleichzeitig ist genau das auch der größte Schwachpunkt: In der zweiten Hälfte des Spiels werden die Rätsel zunehmend zu Pixel-Hunts, bei denen man verzweifelt nach winzigen Objekten in weitläufigen Umgebungen sucht.
Und dann ist da die Grafik der 3D-Umgebungen. Hier muss man ehrlich sein: Die sah schon 2014 nicht mehr zeitgemäß aus. Die Texturen sind einfach, die Gebäude kantig, und im Vergleich zu den aufwendig produzierten FMV-Szenen wirkt die Spielwelt manchmal wie aus einer anderen Ära. Aber genau das hat bei mir nostalgische Gefühle geweckt. Ich stehe auf diesen Low-Poly-Look. Er erinnert mich an die Zeit, als ich als Kind und Jugendlicher vor dem PC oder der Playstation saß und ähnliche Titel gespielt habe. Es gibt einen gewissen Charme in diesen kantigen Polygonen und einfachen Texturen, der für mich persönlich mehr Atmosphäre erzeugt als manch hochpolierter Triple-A-Titel.

Das Spiel wurde über Kickstarter finanziert, nachdem die Serienschöpfer Chris Jones und Aaron Conners nach Jahren endlich die Rechte an der Marke zurückbekommen hatten. Die Kampagne brachte über 650.000 Dollar ein, und man spürt an jeder Ecke, dass dieses Spiel ein Liebesbrief an die Fans ist. Es gibt unzählige Anspielungen auf die Vorgänger, Rückblenden auf frühere Fälle und Easter Eggs, die langjährige Fans zum Schmunzeln bringen. Für Neulinge wie mich bedeutete das zwar gelegentlich, dass mir ein Witz oder eine Referenz entging, aber das Spiel macht es einem mit Recap-Videos und dem Amnesie-Plot relativ leicht, trotzdem reinzukommen.

Insgesamt hat mir “Tesla Effect” gut gefallen. Die Mischung aus cheesy FMV, Detektivarbeit und Cyberpunk-Setting ist einzigartig. Gleichzeitig muss ich zugeben, dass ich am Ende froh war, als der Abspann lief. Die zweite Hälfte zieht sich, die Rätsel werden teilweise zur Geduldsprobe, und das Pacing lässt spürbar nach. Wo die erste Hälfte noch eine gelungene Balance zwischen Dialogen und Erkundung hielt, kippt das Spiel später zu sehr in Richtung Pixel-Suche und Logik-Puzzles, die nicht immer gut erklärt sind.
Wer auf FMV-Spiele, klassische Adventures und einen Humor steht, der so schlecht ist, dass er schon wieder gut ist, sollte Tex Murphy definitiv eine Chance geben.
